Charles Ferdinand Ramuz: Erinnerungen an Igor Strawinsky und René Auberjonois, 1928


Geheimnis der Freundschaft

Wie erkennt man eine wahre Freundin, einen echten Freund? Der Westschweizer Autor Charles Ferdinand Ramuz (1878-1947), verkehrte während der Belle Epoque in der Pariser Bohème, verinnerlichte die literarische, künstlerische Aufbruchstimmung der Moderne und kehrte kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs in seine Waadtländer Heimat an den Genfersee zurück. Hier traf er auf den russischen Komponisten Igor Strawinsky. Auch er flüchtete nach den grossen Erfolgen und Skandalen mit seiner Ballettmusik zu «Petruschka», «Feuervogel» und «Sacre du printemps» aus Paris vor den Kriegswirren in die Schweiz.

“Seltsam, unsere Begegnung; alles schien uns trennen zu müssen. Du warst Musiker, ich nicht; du warst Russe und kamst von weit her, ich war schon da, wo ich jetzt noch bin, das heisst da, wo ich geboren wurde; wir sprachen nicht einmal die gleiche Sprache”, erinnert sich Ramuz. Und er staunt darüber, dass zwei vermeintlich derart gegensätzliche Persönlichkeiten nicht nur zueinander fanden, sondern eine Seelenverwandtschaft entdeckten.

Ramuz schrieb 1928, acht Jahre nachdem Strawinsky 1920 die Schweiz wieder verlassen hatte, einen grossartigen Text über diese Freundschaft. Es ist eine behutsame Annäherung, eine Abfolge gemeinsamer Erlebnisse bei Wanderungen in den Rebbergen, dem See entlang, in Walliser Bergweilern, beim Essen frugaler Gerichte und Trinken einheimischer Weine, beim Erzählen von Geschichten, Sagen, beim Beobachten von Menschen in Wirtshäusern, beim Sinnieren über Literatur und Musik. Beiden liebten das Ursprüngliche, das Authentische, das Ungekünstelte.

Und da sind auch die gemeinsamen Arbeiten. Namentlich das Musiktheater «L’histoire du soldat», bei dem Ramuz den Text schrieb und Strawinsky die Musik komponierte. Dominante Rhythmen, wenig Melodien, revolutionäre Akkorde. Das Gemeinschaftswerk wird am 28. September 1918 in Lausanne uraufgeführt. Doch die spanische Grippe, an der die beiden Freunde erkranken, lässt die geplante Tournée durch die Schweiz platzen. 

Der Nimbus Verlag hat dieses Bijou von einem Text unter dem Titel «Erinnerungen an Igor Strawinsky und René Auberjonois» herausgegeben, eine wunderschöne Ausgabe, ergänzt mit Fotografien, Zeichnungen und Partituren. Nebst einem eindrücklichen Zeitzeugnis zweier grosser Künstlerpersönlichkeiten offenbart das Buch das Geheimnis von Freundschaften, wie sich Grenzen plötzlich aufheben und die Räume über- und ineinander greifen

Bei Ramuz heisst es: “Als du an gewissen Abenden von deiner Heimat sprachst und ich dir von der meinen erzählte, als wir in Gedanken durch deine Heimat wanderten oder leiblich in der meinen, kam es mir manchmal so vor, ich muss es bekennen, als ob diese Leere nicht mehr bestünde und wir nicht mehr zwei Menschen wären und es nicht mehr zwei Länder gäbe: weil jenseits dieser beiden Länder, jenseits aller Länder, jenseits unserer selbst es vielleicht die Heimat gibt (verloren, dann wiedergefunden, dann von neuem verloren, dann für einen kurzen Augenblicken wiedergefunden): wo man gemeinsam einen Vater und eine Mutter hat, wo die grosse Familie der Menschen sich für einen kurzen Augenblick entdeckt.”

Charles Ferdinand Ramuz: Erinnerungen an Igor Strawinsky und René Auberjonois. Nimbus Verlag. Reihe “unbegrenzt haltbar”. Wädenswil 2018, 176 S., Fr. 24.50.
(Die «Souvenirs sur Igor Strawinsky» erschienen erstmals 1928, das Buch über «René Auberjonois» 1943)

siehe auch: C.F.Ramuz: Aline, 1907

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  • Lebensdaten: 1878 (Lausanne) – 1947 (Pully)
  • Orginaltitel: «Souvenirs sur Igor Strawinsky»
  • Lesetipps: «Derborence» (1934), «Die grosse Angst in den Bergen» (1926), «Farinet oder das Falschgeld» (1932)
  • Fussnoten: Charles-Ferdinand Ramuz schaffte es als «einen der bedeutendsten französischsprachigen Schweizer Schriftsteller unseres Jahrhunderts» auf die 200-Franken-Banknote, eine seltene Ehre für einen Autor. Die Schweizerische Nationalbank schreibt: «Sein reichhaltiges literarisches Werk umfasst Romane, Essays, Gedichte und theoretische Schriften sowie Texte zu Kompositionen von Igor Strawinsky. Das Schaffen des Waadtländer Autors ist gekennzeichnet durch ausgeprägte Wahrheitsliebe und strenge ästhetische Massstäbe. Im Zentrum seiner Werke steht der Mensch mit all seinen Hoffnungen und Wünschen. Als Hintergrund dienen grossartige Landschaftsschilderungen, in denen Gebirgsgegenden und Seen einen besonderen Platz einnehmen. Auf der formalen Ebene gelingt Ramuz, durch den Einsatz neuer, der Malerei und dem Film entlehnter Ausdrucksformen, die Modernisierung des Romans.»

    #Freundschaft, Heimat, Kunst