«Es gibt nichts Phantastischeres als die Wirklichkeit»

Die Schriftstellerin Eveline Hasler über historische Romane, den Widerstand bei ihren Recherchen, den Dialog von Fakten und Fiktion und ihre literarischen Coups de coeur.

Seit Sie 1982 «Anna Göldin. Letzte Hexe» veröffentlicht haben, schreiben Sie mit schöner Regelmässigkeit historische Romane über meist verkannte oder vergessene Personen. Zuvor waren Sie bekannt als Kinderbuchautorin. Wie kam es, dass Sie das Genre wechselten?
Eveline Hasler: Ja, in meinen jungen Jahren – mit drei Kindern – hätte ich noch keine Energie und Ausdauer für die Recherchen meiner späteren Jahre gehabt. Doch in den 1968er-Jahren war die Kinderliteratur verlockend innovativ.

Von dieser Literatur glitt ich dann fast selbstverständlich zum Erwachsenenbereich hinüber, weil es mich drängte, Bücher zu schreiben wie «Anna Göldin, letzte Hexe». In Glarus aufgewachsen, hatte mich diese Geschichte schon in der Primarschule beschäftigt, auf Fragen kamen keine Antworten, denn die Lehrer, Lokalpatrioten, schämten sich.

Ihre Figuren sind oft Frauen, die sich nicht in ihre Zeit eingliedern konnten oder wollten: Emilie Kempin-Spyri, die erste Juristin Europas in «Die Wachsflügelfrau», Julie Bondelli, eine bernische Patrizierin in «Tells Tochter», Mentona Moser, die reichste Revolutionärin in «Tochter des Geldes». Wie stossen Sie auf diese Figuren?
Obwohl ich Geschichte studiert hatte, war mir damals klar: Ich will als Schriftstellerin nicht über sogenannt Historisches schreiben. Ereignisse, abgeschottet unter der historischen Glasglocke, die nichts mit meiner Gegenwart zu tun haben, interessieren mich nicht. Doch dann kam ich, gleichsam durch meine Herkunft und die Hintertür des psychologischen Interesses, zum ersten historischen Stoff: Anna Göldin, die letzte Hexe. Sie liess mich während Jahren einfach nicht in Ruhe, schliesslich wollte ich es genau wissen und suchte im Landesarchiv Glarus nach Dokumenten. Hier waren nur zwei zeitgenössische Kopien der Gerichtsakten zu finden. 1782, nach der europaweiten Reaktion auf den Fall Anna Göldin, wollte man sich nicht weiter der Kritik aussetzen und hatte das Material weitgehend vernichtet. Wie immer, es war auch zweihundert Jahre später eher schwierig, im Archiv an das Material zu kommen.

Sie sprechen von praktischen Schwierigkeiten?
Ja, es fanden sich später im Schrank in der Wohnung des Untersuchungsrichters versteckte Akten… Auch in Luzern suchte ich für «Die Vogelmacherin» nach Spuren elternloser Kinder, die im 17. Jahrhundert noch als kleine Teufelsdiener hingerichtet worden waren. In den Turmbüchern, den einst im Wasserturm der Kappelbrücke aufbewahrten Verhörprotokollen der Hexenverfolgung, wollte der Archivar nie so etwas in seinen Hallen gefunden haben – als er ferienhalber abwesend war, durchforstete ich die Turmbücher und fand eine Anzahl dieser unglücklichen Kinder. Dieser seltsame Widerstand trat meinen Nachforschungen auch bei der «Wachsflügelfrau» in der Universitätspsychiatrie von Basel entgegen, wo keine Akten zu Emilie Kempin-Spyri zu finden waren. Dafür lachte mir das Glück in Halifax, wo ich vor dem Abflug in der Bibliothek nahe des Flughafens stöberte und auf handschriftliche Aufsätze von Emilie Kempin stiess!

Sie selber sind in einer Zeit aufgewachsen, in welcher die Frauen kein Stimm- und Wahlrecht besassen und die rechtliche und gesellschaftliche Gleichberechtigung noch nicht existierte. Sehen Sie darin einen Zusammenhang zu Ihren Figuren?
Nur indirekt: Offensichtlich habe ich das vielleicht zweifelhafte Talent, missliebige, verdrängte Stoffe anzupacken, und stosse dabei auf die Frauen. Sie wiederum öffnen mir die Türen zur Beschreibung und Analyse sozialgeschichtlicher Bedingungen. In einer Frau wie Emilie Kempin-Spyri beispielsweise sah die Gesellschaft von damals eine Ehefrau und Mutter, zudem eine Studierte, die zu hoch hinaus wollte. Sie hatte die Konvention, die Mittelmässigkeit verlassen und wollte noch weiter hinauf – man erwartete ihren Sturz. Deshalb griff ich zur Metapher des weiblichen Ikarus mit den Wachsflügeln.

In den historischen Romanen vermengen Sie Fakten und Fiktion. Wie gehen Sie arbeitstechnisch vor, wenn Ihr Interesse geweckt ist?
Erst stürze ich mich mit Begeisterung in die detektivische Suche. In der Regel benötigt ein Buch drei Jahre meiner Lebenszeit: eineinhalb Jahre Recherche, ohne etwas vom literarischen Text zu schreiben, dann eineinhalb Jahre Niederschrift. Ich kreise die Wirklichkeit vorsichtig durch Recherchen ein und begebe mich dann auf einen inneren Dialog mit dem Vergangenen. Dadurch entsteht eine Zeitbrücke, denn schreibe ich, will ich etwas erfahren, das auch für mich und mein Leben relevant ist.

Durch Recherche und Quellenstudium konstruieren Sie ähnlich einer wissenschaftlichen Biographie ihr Romangerüst. Je weiter Sie graben, desto mehr konstruieren Sie subjektiv die Persönlichkeit mit Gefühlen und Emotionen. Führt das nicht zur historischen Verfälschung einer Person?
Hallo, da spüre ich Ihre Frage: Welche Wahrheit ist wahrer, die wissenschaftliche Bearbeitung oder die literarische? Beide scheinen mir Berechtigung zu haben, ja, einander wohl «zuzudienen», weil sie verschiedene Perspektiven und Handwerke haben, doch beide sind nur Annäherungen an eine Wirklichkeit. Wissenschaftlich sind äussere Umrisse, Statistiken, Zahlenmaterial wichtig, in der literarischen Arbeit mehr die psychologischen Hintergründe, die Schilderung des Alltags. Die belletristisch Schreibende weiss, dass sie gerade aus der Subjektivität ihre Lebendigkeit bezieht, eine intuitive Wirklichkeit die genauso wahr sein kann wie eine «photographische» Wiedergabe. Ausserdem mache ich die Erfahrung, dass es nichts Phantastischeres gibt als die Wirklichkeit.

Ihre Leserschaft folgt Ihnen seit Jahrzehnten treu in jede gestaltete Wirklichkeit?
Oft ja, wenn auch bei meinem wohl widerborstige Thema, der «Vogelmacherin», ungern. Einige Kritiker halten es für mein bestes Buch, aber für Verlag und Verkauf war die Antwort: Puh, das mag man nicht lesen! Aber ich wollte es eben an Licht und Land ziehen…Inzwischen, im dritten Jahrtausend, scheinen mir Leserinnen und Leser toleranter und intellektueller geworden zu sein.

Wie geht die jüngere Generation des schweizerischen Literaturbetriebs mit historischen Themen und Figuren um? Beobachten Sie eine bestimmte Herangehens- und Reflexionsweise?
Selten lese ich historische Romane, um mich nicht beeinflussen zu lassen. Doch scheint mir, die Schweizer Literatur zeige Bemerkenswertes im Genre des historischen Romans.
Und verraten Sie uns, welche historische Persönlichkeit sich hinter dem Titel «Liebe ist ewig, aber wenig beständig» Ihres im Frühling 2021 erscheinenden Buches verbirgt?
Es sind «Kürzest-Romane» über meist bekannte Menschen, auf die der Liebesstern im Tessin ein neues Licht wirft… Else Laske Schüler, getroffen vom Liebespfeil in Locarno, ist nur eine meiner Figuren im neuen Buch.

Zur Person
Eveline Hasler wurde 1933 in Glarus geboren, studierte Psychologie und Geschichte. Heute lebt sie mit ihrem Mann im Tessin. Sie schreibt vor allem historische Romane. Ihr Werk wurde vielfach ausgezeichnet, in zwölf Sprachen übersetzt und machte die Autorin in der Schweiz wie im Ausland bekannt. Seit 1982 schreibt Eveline Hasler über Vergessene oder Verkannte: Anna Göldin, die letzte Hexe, Henry Dunant, den Gründer des Roten Kreuzes oder in die Wachsflügelfrau über Emilie Kempin Spyri, die erste Schweizer Juristin. Die turbulente Ära am Zürcher Schauspielhaus als in den 1930er Jahren die Manns, Riesers und Schwarzenbachs hier verkehrten. Varian Frys Auftrag, Naziflüchtlingen während des 2. Weltkrieges eine Schiffspassage zu verschaffen. Ihr neues Buch «Liebe ist ewig, aber wenig beständig»[Nagel & Kimche] erscheint im Frühjahr 2021.

Wass lesen Sie derzeit?
Ich lese heute wie oft querbeet:

  • Zum zweiten Mal Margaret Atwood «The handmaids Tale» (Der Report der Magd)
  • Seit Jahren wieder mal meine «Vogelmacherin» (ich lese sonst meine eigenen Texte kaum mehr)
  • Dann «Gedichte» und Zeitgeschichte von Else Lasker-Schüler in der Biographie von Sigird Bauschinger

Fünf Coups de coeur der Schweizer Literatur?
(Erstaunt stellt Eveline Hasler fest, dass ihr auf die Schnelle kaum Autorinnen einfallen)

  • Alex Capus: «Léon und Louise»
  • Lukas Hartmann: «Ein Bild von Lydia» (unter anderen)
  • Wilfried Meichtry: «Verliebte Feinde. Iris und Peter von Roten»
  • Pirmin Meier: «Paracelsus. Arzt und Prophet»
  • Alexis Schwarzenbach: «Auf der Schwelle des Fremden – Das Leben der Annemarie Schwarzenbach»
  • Alexis Schwarzenbach: «Das verschmähte Genie – Albert Einstein und die Schweiz»
  • Stef Stauffer: «Die Signora will allein sein. Lydia Welti-Escher»