Eveline Hasler: Die Wachsflügelfrau, 1991

Erinnerung ist selten gerecht. Vor allem nicht gegenüber Frauen, die etwas bewirken. Sie stossen auf Widerstand, häufig auf ein Männer-Bollwerk, das sie bekämpft und dann totschweigt. Vor allem im Zürich des ausgehenden 19. Jahrhunderts, das beherrscht war von alteingesessenen Zürcher Familien und vom fein ziselierten, patriarchalen Netzwerk um den Eisenbahn-Pionier, visionären Vollblutsunternehmer und omnipräsenten Politiker Alfred Escher. Emily Kempin-Spyri ist einer dieser Frauen, die vieles und viele bewegt hat, eine unerschrockene Vorkämpferin für Frauenrechte, die aber erst fast 100 Jahre nach ihrem Tod zurück ins öffentliche Bewusstsein kam. Die Schriftstellerin Eveline Hasler hat Kempin-Spyri 1991 mit dem biographischen Roman «Die Wachselflügelfrau» nicht nur ein längst fälliges Denkmal gesetzt. Vielmehr bewegte sie die Universität Zürich 2004 dazu, Kempin-Spyri als erste promovierte und habilitierte Juristin der Schweiz und als erste Privatdozentin der Hochschule öffentlich zu ehren.

Der Schriftstellerin Hasler zeichnet ein einfühlsames, eindringliches Porträt Kempin-Spyris. Ein Leben, zerrissen zwischen dem konservativen, unerbittlichen, erfolgreichen Vater und dem unterstützenden, suchenden und immer wieder scheiternden Ehemann Walter Kempin, zwischen den beiden Welten Zürich und New York. Es ist eine faszinierende Geschichte voller Hoffnungen, Aufbrüche und Rückschläge, der Kampf einer mutigen Frau um ihre Überzeugungen und Rechte, die letztlich am Kleinmut vieler Männer zerbricht. Ausgebrannt und ausgezehrt, einsam und verarmt stirbt sie 1901 in der Basler Irrenanstalt Friedmatt.

Doch Kempin-Spyri hat Spuren hinterlassen, die noch heute wirken. Und diesen Spuren geht Eveline Hasler nach, sie führen zu einer starken und aufbrechenden Persönlichkeit. Nachdem sich die Pfarrerstochter Emily von ihrem Elternhaus emanzipiert, den Pfarrer und erfolglosen Journalisten Walter Kempin heiratet und drei Kinder zur Welt gebracht hat, entschliesst sie sich mit 31 Jahren zu einem Studium der Jurisprudenz an der Universität Zürich. Ihr Mann Walter unterstützt sie dabei. Ihr erstes Habilitationsgesuch wird von der Fakultät, dem akademischen Senat und dem Erziehungsrat abgelehnt. Frustriert und in der Hoffnung, in den USA Karriere zu machen, wandert Kempin-Spyri im Herbst 1888 mit ihren drei Kindern und Walter aus nach New York, beisst sich durch und begeistert die High Society. Diese ist von ihrer Überzeugungkraft, Fachkenntnis und innovativen Idee, eine Rechtsschule für Frauen aufzubauen, hingerissen. Ihre private Woman Law Class ist im ersten Jahr derart erfolgreich, dass sie von der New Yorker Universität übernommen wird. Den Zwiespalt zwischen Karriere und Familie, Vernunft und Gefühl hält sie nicht mehr aus, so dass sie nach drei Jahren nach Zürich zurückkehrt.

Trotz ihrer Erfolge in New York lehnt die Universität Zürich ihre Habilitationsschrift ein zweites Mal ab. Doch der Erziehungsrat setzt sich über den Senat hinweg und erteilt Emily Kempin-Spyri 1891 die Lehrbeauftragung «Venia legendi» für römisches, englisches und amerikanisches Recht, allerdings mit dem Sperrdruck «ausnahmsweise», und ist damit als Privatdozentin zugelassen. Um aber die fünfköpfige Familie über Wasser zu halten, führt sie an der Bahnhofstrasse ein Rechtsbüro. Zudem gründet sie den Frauenschutzverein, eröffnet ein unentgeltliches Rechtsbüro für Frauen, bietet Rechtskurse für Laien und Unterricht an der Höheren Töchterschule an, verfasst Artikel. Stets ist Emily Kempin-Spyri auf der Suche nach Ressourcen: Lokalen, Studierenden und Geld. Nichts wird ihr leicht gemacht. Obwohl sie sich nicht beirren lässt, schwinden zusehends die Kräfte. Krebs wird diagnostiziert, und sie erleidet in Berlin, wo sie auf Anerkennung stösst, einen Nervenzusammenbruch, von dem sie sich nicht mehr erholt.

Die «Die Wachselflügelfrau» ist eine eindrückliche, warmherzige Hommage an eine Pionierin für die Gleichberechtigung der Frau und ein Vorbild für uns alle, Männer wie Frauen, kompromisslos für gleiche Rechte einzustehen und sich nicht von einer gerechten Überzeugung abbringen zu lassen.

  • Lebensdaten: 1933 (Glarus)
  • Lesetipps: «Anna Göldin. Letzte Hexe» (1982), «Und werde immer Ihr Freund sein. Hermann Hesse, Emmy Hennings, Hugo Ball» (2010), «Stürmische Jahre. Die Manns, die Riesers, die Schwarzenbachs» (2015), «Tochter des Geldes: Mentona Moser – die reichste Revolutionärin Europas» (2019)
  • Fussnoten: Eveline Hasler, die in Freiburg und Paris Psychologie und Geschichte studierte, schreibt zunächst Kinder- und Jugendbücher. Mit «Anna Göldin. Letzte Hexe» gelingt ihr der literarische Durchbruch. Fortan widmet sie sich vergessenen oder aussergewöhnlichen Persönlichkeiten und Familien. So entstehen quellentreue historische Romane, die zum Markenzeichen ihres reichen Oeuvres geworden sind. Eveline Hasler hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, darunter 2012 die Ehrendoktorwürde der Universität Bern.