Fabio Andina: Tage mit Felice, 2018

Ein Virus verunsichert, destabilisiert die Welt, die Gesellschaft, die Menschen. Er entschleunigt das Leben. Zurückgeworfen auf uns selbst, drängen sich plötzlich Fragen ins Bewusstsein, die man sich so nicht stellt, jedenfalls nicht häufig. Was macht das Leben eigentlich aus? Wie finde ich mich zurecht, wenn all die Ablenkungen wie Reisen und Unterhaltung verunmöglicht werden, wenn Restaurants, Kulturhäuser und Sportarenen schliessen und der Kontakt zu Menschen eingeschränkt wird? Wo ist eigentlich das Glück? Und wann bin ich erfüllt? 

Grosse Fragen, mit denen sich Philosophen, Denkerinnen und Schreibende seit jeher befasst haben – auch der Tessiner Schriftsteller Fabio Andina. In seinem Buch «Tage mit Felice», das 2020 auf Deutsch übersetzt wurde, liegt eine ebenso wundervolle wie magische Antwort vor. Ein Buch über das Glück, das im Alltäglichen, im Menschlichen und vermeintlich Unspektakulären liegt. Man braucht nur hinzuschauen, es aufzunehmen und zu staunen. Und man staunt über diesen ruhigen, stillen Roman ohne spektakuläre Handlung, den man nicht mehr aus der Hand legt, sondern nach der letzten Seite ein zweites Mal lesen möchte.

Der 40-jährige Erzähler nimmt sich einen Auszeit im Ferienhaus seiner Eltern in Leontica, einem Dorf im mittleren Bleniotal. Seine Zeit verbringt er mit dem uralten Felice, der seine Tage ähnlich strukturiert. Frühmorgens steigt er barfuss den Berg hinauf, taucht nackt ins eiskalte Wasser einer Gumpe, läuft an Floro und dem Kater Rasta vorbei und gönnt sich danach ein frugales Morgenessen. Felice sammelt Kakis, besucht seine Nachbarin Vittorina, bringt ihr Pilze aus dem Wald und bekommt dafür Käse und Gemüse aus ihrem Garten, kehrt im Restaurant ein, fährt mit seinem Auto hinunter ins Tal und trifft die gleichen Leute.

Die Tage sind unauffällig. Der Erzähler begleitet den schweigsamen, eigenbrötlerischen Felice eine Woche lang. Jedem Tag ist ein eigenes Kapitel gewidmet, der Ablauf wiederkehrend. Doch gerade die Variationen, die Nuancen von Tag zu Tag, die kleinen Zufälligkeiten werden zu Momenten der Bereicherung, des Glücks. Das liegt vor allem am Erzähler, der die trutzigen Steinhäuser, die dunkeln Kiefernwälder, den Fluss, den ersten Schnee und die Berge, die Menschen, ihre alltäglichen Handlungen und Interaktionen in ein poetisches Licht wirft und liebevoll beschreibt. Es eröffnet sich eine kleine Welt, die nichts mit Sozialromantik oder Tessin-Nostalgie zu tun hat, sondern so ist, wie sie ist.

Dieser Mikrokosmos verkörpert eine minimalistische Lebensphilosophie. Felice und der Erzähler lassen sich von nichts Überflüssigem ablenken, sie fokussieren sich auf das Wesentliche, auf ihre unmittelbare Umgebung. Bei ihren Streifzügen durch die Natur, das Dorf und das Tal beobachten die beiden sorgfältig und aufmerksam. Hin und wieder tauschen sie sich über die grossen Themen aus, über Leben und Tod. Kein Wort zu viel, immer nur das Nötige. Das nennt sich das wahre Glück.

  • Lebensdaten: 1972 (Lugano)
  • Originaltitel: «La pozza del Felice»

  • Fussnoten: Fabio Andina studierte Filmwissenschaften und Drehbuch in San Francisco. Heute lebt er wieder im Tessin, im Malcantone. «Tage mit Felice» ist sein zweiter Roman und sein erstes Buch in deutscher Übersetzung. Es wurde mit dem Preis Terra Nova 2019 der Schweizerischen Schillerstiftung und dem Premio Gambrinus 2019 ausgezeichnet.