Giorgio Orelli: Spiracoli, 1989

Manchmal hat man Glück. Dann begegnet man, zum Beispiel, einer Göttin. Einfach so. Vielleicht ist es auch gar keine Göttin, sondern eine Nymphe, aber wen würde das schon kümmern. Man sieht sie ganz unversehens, zum Beispiel in einer kleinen, abgelegenen Bucht

»fern von den frischen Tälern«. In der flirrenden Hitze eines griechischen Sommertags, die den Asphalt zum Kochen bringt. An einem Nachmittag, der so blau ist, dass man meint, den Him- mel berühren zu müssen. Da huscht sie auf einmal vorüber. Ihre Haut schimmert golden, der Hals ist schlank und weiss, und sie bewegt sich so, wie man es eben tut, wenn die Füsse den Boden nicht berühren.

Mag sein, dass es auch keine Nymphe ist. Aber doch eine Prinzessin. Nausikaa vielleicht, die Königstochter von der Phäakeninsel Scheria, die am Strand Wäsche wäscht, sich von ihren Freundinnen entfernt hat und einem unvermittelt aus dem Meer aufsteigenden Fremdling so entgegentreten würde, als hätte sie ihn erwartet: unerschrocken, selbstbewusst, auch wenn es Odysseus wäre. Sie schreit, das hört man, aber nicht einmal ihr Schreien ist ganz von dieser Welt: »Schreiend wie buntfarben schimmernder / Schotter« zieht sie durch eines von Giorgio Orellis Gedichten, um sich anzukleiden »und wohl dreimal / sich wieder entkleiden, mit der gleichen glorreichen / Ruhe, nach ebenso vielen Gewittern.«

In Giorgio Orellis Gedichten scheint sich alles irgendwie von selbst zu ergeben. Auch Begeg- nungen mit Göttinnen. So, als könnte es nicht anders sein, und manchmal muss man die ge- schmeidigen Sätze zweimal lesen, um sich bewusst zu machen, wie unerhört das eigentlich ist, was da gesagt wird. Orellis Sprache kennt keine Allüren. Sie ist ganz bei sich, aber auf eine zau- berhaft entspannte Art. Es ist, als ob der Dichter nur zusehen würde, was die Wörter und Bilder, die er aufruft, miteinander anstellen, und über der Leichtigkeit dieses Spiels vergisst man rasch, dass es unter Orellis Versen kaum einen gibt, in dem nicht ein Klang aus vergangenen Jahrhun- derten nachhallt. Werke der antiken Literatur, die »Divina Commedia«, der »Canzoniere«, Leo- pardis »Canti«, Verse von Autoren, über die Orelli literaturkritische Arbeiten geschrieben hat: Sie sind fast auf jeder Zeile gegenwärtig. Aber nicht als ehrfurchtgebietende Zeugen einer Tradi- tion, auf die sich der Dichter beruft, um dem, was er sagt, mehr Gewicht zu verleihen. Das hat Orelli nicht nötig. Aber er weiss, dass sich jeder, der schreibt, in einem Dialog befindet, der Zei- ten und Räume überdauert. Dante, Petrarca, Leopardi, Maler wie Giorgio Morandi oder Wols, Mozart, dessen Opern Orelli so geliebt hat, oder Goethe, von dem er Gedichte ins Italienische übersetzte: Für den Dichter sind sie Zeitgenossen, Partner in einem Gespräch, das er in aller Be- scheidenheit führt. Ein Gespräch, das nie abreisst und den Blick schärft für das, was ihm jeden Tag vor Augen liegt. Eine tote Amsel auf der Strasse, ein kleines Mädchen, das in eine Sauerkir- sche beisst, der Himmel über der Lagune von Venedig oder eine Göttin, die sich durch nichts aus ihrer »glorreichen Ruhe« bringen lässt.

aus: 99 beste Schweizer Bücher

  • Lebensdaten: 1921 (Airolo) – 2013 (Ravecchia)
  • Lesetipps: Eine zweisprachige Auswahl von Gedichten von Giorgio Orelli ist 2008 unter dem Titel »Sagt es den Amseln / Ditelo ai merli« im Limmat Verlag erschienen.
  • Fussnoten: Giorgio Orelli lebte in Bellinzona, wo er am Liceo Cantonale italienische Literatur lehrte, Gedichte und literaturkritische Arbeiten schrieb. Einzelne seiner Gedichte wurden vertont. Das Gedicht »Calmo, limpido il mare« aus der Gedichtsammlung »Spiracoli« zum Beispiel von italienischen Cantautore Lucio Dalla.
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