POSTKARTEN BUCHTIPP: Freie Sicht aufs Mittelmeer

Wäre unsere Sehkraft stark genug, schrieb Melchior Dönni einmal, dann könnten wir von der Spitze des Pilatus bis nach Paris sehen. Oder über das Meer bis nach Amerika. Klar, da wären ein paar Berge im Weg, das wusste Dönni auch. Aber der entscheidende Punkt war für ihn ein anderer: Wenn die Berge weg wären, könnte nichts unseren Blick hindern. Auch «die eingebildete Ründe der Erde oder des Meeres» nicht. Weil es die nicht gibt. Denn das war Dönnis feste Überzeugung: Die Erde ist eine Scheibe.

Im Herbst 1902 liess der Käser aus Luzern seine Vorstellung der Erde patentieren. Beim Amt für Geistiges Eigentum in Bern. Besser gesagt: Er liess sein «Weltall-Erd-Relief» patentieren, das er aus Gips gebastelt und bemalt hatte. In der Mitte ein weisser Nordpol mit einem Schweizer Fähnchen, rund herum Europa, Asien und Nordamerika. Der äusserste Rand der Erde wird durch den Südpol markiert. Ein Eisgebirge, das sich wie ein Ring um die Ozeane legt und verhindert, dass sie abfliessen. Zwischen Nord- und Südpol liegt die heisse Zone der Erde: Asien, Afrika und Südamerika.

Melchior Dönni wurde 1842 in Luzern geboren und führte dort eine Käserei mit einem Café. 1899 veröffentlichte er eine erste Broschüre, in der er seine Theorie darlegte: dass die Erde eine Scheibe sei. Im Lauf der Jahre kamen weitere Broschüren dazu. Und eben: Modelle, die zeigen sollten, wie man sich die Welt vorzustellen habe.

Der Historiker Urs Hafner hat Dönnis Nachlass vor zwei Jahren im Bundesarchiv Bern entdeckt. Aus Zufall. Dönni liess ihn nicht mehr los. Wie kam der Mann dazu, der etablierten Wissenschaft zu widersprechen? Dönni verstand sich als Freund der Wissenschaft. Als Gelehrten. Durch eigene Forschung glaubte er entdeckt zu haben, dass alles anders war. Das Meer waagrecht, die Erde grösser, als bisher angenommen. Und vor allem: der Sonne viel näher. Ein Spinner? Vielleicht, aber einer, der sich die Sache nicht leicht machte. Manches Unglaubliche, schrieb Dönni einmal, sei in der Wissenschaft «aus dunklem Grund ans Licht gekommen».

Urs Hafner: Dönnis Erdscheibe. Ein Käser und seine Welt. Chronos-Verlag, Zürich 2025. 10 s/w. und 14 Farbabbildungen,152 S., etwa Fr. 30.-.

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