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POSTKARTEN BUCHTIPP: Die Schatten einer Katastrophe
Der verheerende Brand in Crans-Montana, der über vierzig Tote und mehr als hundert Schwerverletzte forderte; der Bergsturz, der im vergangenen Frühling das Dorf Blatten innert weniger Stunden von der Landkarte löschte: Es sind Ereignisse, die sprachlos machen. Und Erinnerungen wecken. Zum Beispiel an den 30. August 1965. Damals lösten sich zwei Millionen Kubikmeter Eis und Geröll vom Allalingletscher oberhalb von Saas-Fee und stürzten ins Tal. Das Barackendorf, in dem die Arbeiter vom Mattmark-Stausee untergebracht waren, wurde unter den Eismassen begraben. Achtundachtzig Menschen starben.
Nach jeder Katastrophe stellt sich die Frage: Hätte man sie voraussehen können? Im Fall Mattmark entschieden die Richter: Nein. Die für den Bau des Staudamms Verantwortlichen wurden freigesprochen. Ein problematisches Urteil, wie sich später zeigte. Es gab Anzeichen dafür, dass der Gletscher sich bewegt, und dass es zu einem Abbruch kommen könnte. Man wusste, dass die Baracken an einem gefährdeten Ort errichtet worden waren. Und es gab warnende Stimmen. Nur wollte niemand sie hören.
«Ein unvorhersehbares Ereignis» von Urs Hardegger erzählt das Unglück von Mattmark als Roman. Auf zwei Ebenen: Hans-Rudolf Hilfinger, der als junger Ingenieur am Bau beteiligt war, bietet dem Verlagsleiter Florian Steiger ein Memoir über Mattmark an. Steiger lässt es liegen. Jahrelang. Bis er entlassen wird: zu schlechte Zahlen. Er fährt nach Paris, ein Sabbatical. Nimmt das Manuskript mit, liest. Und beschliesst es zu publizieren. Jahre, nachdem sein Verfasser unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommen ist.
«Ein unvorhersehbares Ereignis» erzählt von den Schatten einer Katastrophe, die nicht so unvermeidlich war, wie man sie im Nachhinein darstellte. Von den technikgläubigen sechziger Jahren in der Schweiz. Von Menschen, die die Gewalt der Natur mystifizierten und sich ihr zugleich überlegen glaubten. Urs Hardegger spiegelt das Unglück, das die Schweiz erschütterte, doppelt: im Schicksal eines Beteiligten und in der Gegenwart, die sich immer wieder neu vom Glauben an die menschliche Allmacht blenden lässt.
Urs Hardegger: Ein unvorhersehbares Ereignis. Roman. Nagel und Kimche-Verlag, Hamburg 2025. 256 S., etwa Fr. 34.-


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