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POSTKARTEN BUCHTIPP: Pionierinnen ihrer Zeit
Zwanzig Frauen zwischen zwei Buchdeckeln – und sie beengen sich nicht? Es ist die gekonnte Sprache von Daniele Muscionico, die mit eindrücklicher Leichtigkeit zu schreiben versteht und jeder einzelnen Frau ihren Platz zugesteht. So unterschiedlich ihre Lebenszeiten und Lebensläufe auch sind: Sie alle sind bewusst, oder durch Umstände gezwungen, ihren pionierhaften Weg gegangen.
Agnes von Ungarn gründet im Mittelalter das Kloster Königsfelden. Sie ist eine intelligente und umsichtige Managerin – gebildet, gottgefällig und generös. Doch ab dem 16. Jahrhundert leidet ihr Ruf: Man bezeichnet sie als blutrünstig und rachsüchtig. Patriarchale Literaten und Denker greifen diese Diskreditierungen auf und verbreiten sie unbesehen weiter.
Auch Adèle d’Affry entstammt adeligem Haus. Berühmt für Esprit und Schönheit am Hof Napoléons III., verschafft sie sich in Männerkleidern Zugang zu Anatomiekursen und Fachwissen. Unter dem Namen «Marcello» reüssiert sie als wegweisende Bildhauerin.
Alwina Kölla-Gossauer gründet mit ihrem Mann eines der ersten Fotostudios in Zürich – bis dieser wegen Pornografie verurteilt wird. In Rapperswil beginnen sie neu, doch auch hier landet der Gatte wegen Falschgelds im Gefängnis. Die Fotografin und Mutter von vier Kindern kauft aus der Konkursmasse ihr Handwerkszeug zurück; das neue Atelier trägt ihren Mädchennamen «Gossauer». Alwina erarbeitet sich ein ausgezeichnetes Renommee, lässt sich scheiden, gilt dadurch jedoch als «nicht geschäftsfähig» und wird bevormundet. Erst eine Gesetzesänderung von 1881 bringt sie an ihr Ziel.
Tilo Frey kommt als Tochter einer Kamerunerin und eines Neuenburgers mutterlos in die Schweiz. Ihr Vater rät der durch ihre dunkle Hautfarbe Ausgegrenzten: «Arbeite und lächle.» Das tut sie, beruflich wie politisch. Nur neun Monate nach Einführung des Frauenstimmrechts wird sie 1971 für die FDP in den Nationalrat gewählt. Doch damit genug: eine schwarze Nationalrätin – und «zu wenig feministisch», wie Kritiker finden. Die Wiederwahl gelingt ihr nicht.
Bei der überaus interessanten und unerwarteten Lektüre von Daniele Muscionicos «Starke Schweizer Frauen: Pionieinnen» staunen wir über die Grenzen – in der Luft, am Berg, mit Pinsel oder im Recht –, die diese Pionierinnen antreffen und durchbrechen.
Daniele Muscionico: Starke Schweizer Frauen: Pionierinnen. 20 Portraits mit Abbildungen. Vorwort Elisabeth Joris. Limmat Verlag, 2025. 184 S., Fr. 34.-


© Éditions Les Arènes