POSTKARTEN BUCHTIPP: Leerstelle der Liebe

Lukas Bärfuss schreibt in «Königin der Nacht» sein wohl persönlichstes Buch — und vielleicht sein schmerzhaftestes. Nach dem Tod seiner Mutter reist der Sohn in die Dominikanische Republik. Auf seiner Spurensuche räumt er ein Zimmer, sichtet die letzten Spuren eines Lebens. Was bleibt, ist wenig: ein paar Dinge, ein Kontostand, ein Rest und eine Leerstelle, die grösser ist als alles andere: die Frage, warum da nie Liebe war.

Dieses schmale Buch trägt eine enorme Wucht in sich. Bärfuss nähert sich der Mutter ohne Sentimentalität, ohne nachträgliche Versöhnungsgeste. Er beschreibt präzise, fast unerbittlich. Die Kindheit erscheint in Splittern: Armut, Instabilität, Sprachlosigkeit. Eine Mutter, die emotional abwesend bleibt. Ein Sohn, der zu begreifen versucht, was sich wohl nie ganz begreifen lässt.

Gerade darin liegt die Stärke dieses Buches. Bärfuss sucht nicht nach einfachen Antworten. Er tastet sich schreibend an eine Erfahrung heran, die von Kälte, Verletzung und Schweigen geprägt ist. Seine Sprache ist klar, konzentriert, schnörkellos und gerade deshalb so eindringlich. Nichts drängt sich auf, und doch trifft vieles mit voller Wucht.

Dann kippt das Buch. Aus der intimen Erkundung wird Anklage. Bärfuss weitet den Blick auf die Schweiz, auf Armut, Ausgrenzung und die Gewalt sozialer Herkunft. Er schreibt über eine Gesellschaft, die Wohlstand zeigt und Elend ausblendet. Das ist kraftvoll, manchmal notwendig, aber fast zu laut. Die essayistische Schärfe droht stellenweise die feine Ambivalenz des zuvor derart subtil Erzählten zu überdecken.

Denn die zentrale Frage bleibt grösser als jede gesellschaftliche Diagnose: Kann soziale Herkunft erklären, warum ein Mensch unfähig zur Liebe ist, warum eine Mutter keinerlei Gefühle für ihr Kind entwickeln kann. Soziale Herkunft prägt, aber sie erklärt nicht alles. Lieblosigkeit existiert nicht nur in der Armut. Auch in privilegierten Verhältnissen kann emotionale Verwahrlosung entstehen.

Gerade diese Spannung macht das Buch so stark. «Königin der Nacht» ist radikal persönlich und politisch zugleich. Ein schönes, hartes, ambivalentes Buch über Herkunft, Schmerz und die Grenzen des Verstehens.

Lukas Bärfuss: «Königin der Nacht. Ein kurzes Buch über meine Mutter». Rowohlt Verlag,  Hamburg 2026., 128 Seiten, rund Fr. 30.-

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👉📕 Im Buch «99 beste Schweizer Bücher» ist Lukas Bärfuss mit «Hundert Tage» (2008) vertreten.