POSTKARTEN BUCHTIPP: Der Punkt in der Landschaft

Wo ist die Landschaft eigentlich aufgehängt? Irgendetwas muss ihr ja Halt geben. Odi sitzt im Bus, schaut durchs Fenster und sieht, wie die Welt an ihm vorüberzieht. Eine Welt, die ihm fremder wird, von Stunde zu Stunde. Landschaften sind wie Vorhänge, findet er. Und wenn er genau hinschaut, hat er das Gefühl, in der Mitte gebe es einen Punkt, der sich nicht bewegt. Nur in sich selbst kann er diesen Punkt nicht finden.

Odi ist unterwegs. Von Süditalien in die Schweiz. Von den Grosseltern, bei denen er aufgewachsen ist, zu den Eltern, die er kaum kennt. Ein langer Abschied. In eine Welt, in der Odi niemanden kennt. Und niemand ihn kennt. Gastarbeiter heissen die, zu denen seine Eltern gehören, in der Schweiz. Dem Land, das Odis neue Heimat werden soll. Aber was sind Gastarbeiter? Was ist die Schweiz? Und wer sind seine Eltern?

In Francesco Micielis Erzählung «Über das Gras gehen» erzählt nicht ein Erzähler. Es ist Odi, der seine Geschichte erzählt. Mit den Worten, die er von seinen Grosseltern gelernt hat: «Wir hatten wenige Wörter zur Verfügung. Die Sprache war wie ein Tauschhandel. Wenn neue Sachen ins Dorf kamen, gaben wir ihnen ein Wort, eine Bezeichnung. Manchmal hatten die Sachen schon einen Namen.»

Odi ist nicht mehr klein. Aber auch noch nicht gross. Ein Bub, kein Jugendlicher. Ein Bub, der spürt, dass er mehr weiss, als er sagen kann. Odi erzählt so schlicht wie präzis. Grosse Worte macht er nicht. Das macht seine Worte so gross. Sie kommen aus einer Sprache, die sich immer wieder neu erfinden muss. Er schildert,  wie er aus der Wärme und Liebe seiner Grosseltern gerissen wurde, in eine Familie, die er erst als seine Familie kennenlernen muss. In ein Land, von dem er lernen wird, dass es so ganz anders ist als das Land, in dem er aufgewachsen ist.

Er  fühlt nichts ausser Leere. Spürt nur, dass ihm etwas entgleitet, was er nie wieder finden wird. Nirgends. Er treibt vor sich hin, nicht einmal weinen kann er: «Er wusste, dass er später einmal weinen würde, wenn die Erinnerung ihm ihm aufstiege und ihn aufwühlte, wie die kleinen Beben, die er immer wieder empfand, wenn er an die Möglichkeit dachte, dass all das, so wie es jetzt war, nicht mehr wäre.»

Es gibt das Leben und es gibt die Wirklichkeit. Die beiden sind auf eine Weise miteinander verbunden, die nicht leicht zu verstehen ist. Leben ist das, was man manchmal verliert und neu suchen muss. Wirklichkeit ist das, was sich dauernd entzieht. Und doch immer da ist. Vielleicht liegt da der Punkt in der Landschaft, der sich nicht bewegt.

Francesco Micieli: Über das Gras gehen. Verlag Die Brotsuppe, Biel 2026. 100 S., Fr. 21.90

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