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Félix Vallotton : Das mörderische Leben
Félix Vallotton gilt als einer der grossen Künstler des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Seine Frauenakte, Landschaftsbilder und Holzdrucke gehören zu den Ikonen der Kunstgeschichte. Weitgehend unbekannt ist, dass Vallotton nicht nur über die Malerei in die Abgründe der menschlichen Existenz und Psyche hineinblickte, sondern auch über seine unbekannteren, aber ebenso doppelbödigen Erzählungen. Der erst nach seinem Tod veröffentlichte Roman «Das mörderische Leben» verblüffte seine Zeitgenossen und bietet noch heute allergrösstes Lesevergnügen, weil es auf absurde und schwarzhumorige Weise den Untergang eines dekadenten, verlogenen Fin-de-siècle-Bildungsbürgertums aufzeigt.
Der Kommissar des Pariser Quartiers La Muette wird an einen Tatort gerufen. Im Zimmer eines Wohnhauses liegt ein Mann. Jacques Verdier, 28-jährig, tot. Der präzise Einschuss in die Stirn, der neben der Leiche liegende Revolver und das Testament lassen keine Zweifel, dass es sich um einen Selbstmord handelt. Das Dossier wird schnell geschlossen. Doch in einer Schublade befindet sich ein versiegelter Umschlag, der ein Manuskript mit der Lebensgeschichte des Verstorbenen enthält.
Auf Jacques lastet ein furchtbarer Fluch. Menschen, die er mag, verunglücken in seiner Nähe oder sterben jämmerlich. Ein Jugendfreund stürzt kopfüber in einen Fluss, ein Graveur durchbohrt sich die Hand und wird wahnsinnig. Im Atelier eines befreundeten Künstlers möchte Jacques einem Modell nach dem Aktzeichnen vom Podest helfen, doch die junge Frau gleitet aus und stürzt auf einen glühend heissen Ofen. Der charmante, belesene, gleichzeitig aber egoistische und verantwortungslose Jacques bewegt sich in Paris zwischen der Künstler-Bohème und der gehobenen Salongesellschaft. Er verdient seinen Lebensunterhalt als Kunsthistoriker und Kritiker und verliebt sich unsterblich in die Frau seines Herausgebers. Er unternimmt alles, um sie zu verführen. Kaum ist ihm dies gelungen, stirbt die Angebetete in einem Verkehrsunfall.
Die Verkettung dieser tödlichen Zufälle, die Jacques stets ungewollt verursacht, zerstört ihn. Er schliesst sich in sein Zimmer ein, verfasst seine Lebensbeichte und greift zum Revolver. Was Vallotton in seinen Holzdrucken so expressiv und eindrucksvoll gelingt, schafft er auch in seinem Roman: einen packenden Dialog, eine knisternde Spannung zwischen schwarz und weiss, zwischen Leben und Tod in Worte und Stimmungen zu fassen und in einer vergnüglich-skurrilen Geschichte zu erzählen.
Félix Vallotton: Das mörderische Leben. Roman. Mit 7 prägnanten Zeichnungen des Autors. Neu übersetzt und mit einem Nachwort von Werner Weber. NZZ Libro, 2009. 260 S., etwa Fr. 38.-
Anlässlich des 100. Todestags des Künstlers sind zahlreiche Ausstellungen ausgerichtet, so zeigt das Musée cantonal des Beaux-Arts eine ausgezeichnete Retrospektive in Vallottons Geburtsstadt Lausanne (bis 15.2.2026)
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Aus «99 beste Schweizer Bücher», Verlag Nagel & Kimche
- Lebensdaten:
1865 (Lausanne) – 1925 (Paris / Frankreich) - Originaltitel:
«La Vie meurtière», Paris 1927 (postum publiziert) - Lesetipps:
«Les Soupirs de Cyprien Morus» (1899/1900; «Die Seufzer des Cyprien Morus»
«Corbehaut» (1920) - Fussnoten:
Der begnadete Maler und Grafiker Vallotton zeichnete für seinen Kriminalroman «Das mörderische Leben» sieben ganzseitige Schwarz-Weiss-Illustrationen, die jeweils ein Zitat wortwörtlich in das Bild integrieren.
# Liebe, Verbrechen, Geheimnis, Stadt, Kunst


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