POSTKARTEN BUCHTIPP: Was die Leute so sagen

Keiner kennt ihn. So richtig. Er ist unscheinbar, aber immer da. Und so ein bisschen etwas weiss man schon über ihn. Oder meint es zu wissen. Jedenfalls, in der Nachbarschaft erzählt man sich das eine oder andere. Jo Graber wohnt um die Ecke und arbeitet in der Stadtverwaltung. Im Bauamt, Abteilung Aufzugsanlagen. Woher man das weiss, weiss niemand. Aber es wird schon stimmen. So sieht er ja auch aus, irgendwie. Wie einer von der Stadtverwaltung. Oder nicht?

Was er sonst macht? Schwer zu sagen. Ob er Familie hat? Kaum. Man sagt, einmal habe er ein junges Mädchen zu sich in die Wohnung eingeladen. Ob er am Ende so einer ist? Man weiss nie. Ein sonderbarer Mensch ist er auf jeden Fall. Niemand rechnete damit, dass er zum Grillfest kommen würde. Und auf einmal war er da. Er raucht. Aber immer nur eine Zigarette, nie zwei. Und nie auf dem Balkon. Sondern am Wohnzimmerfenster. Dabei: Zum Rauchen ist doch der Balkon da.

Gina Buchers Roman «Schattengänger» besteht aus Gerüchten. Aus dem, was die Leute sagen. Über andere. Und vor allem über Jo Graber. Die Leute, das ist zum Beispiel Aurel, ein zehnjähriger Junge. Kris, ein Nachbar, der mit seiner Familiensituation nicht zurande kommt. Esmé, Grabers Ärztin. Remigio, auch einer aus der Siedlung. Oder Dennis, der Pfleger im Altersheim von Jo Grabers Mutter.

Ihr Geschwätz verwebt sich in einem locker gefügten, aber kunstvollen Kontrapunkt zu einem Geflecht von Behauptungen, Vermutungen, Fragen, Ahnungen, Beobachtungen, Rückschlüssen und Unterstellungen, denen sich niemand entziehen kann. Die, die sie anstellen, nicht. Und die, die von ihnen betroffen sind, sowieso nicht.

Im reissenden Strom dessen, was man so sagt, ergibt sich ein unscharfes Bild von Jo Graber. Und zugleich eine flüchtige Skizze eines Quartiers. Der Menschen, die dort wohnen. Die sich eigentlich besser kennen möchten, sich aber nur ein unscharfes Bild voneinander machen. Sie leben genauso im Schatten wie der «Schattengänger» Jo Graber. Weil sie nichts voneinander wissen. Ausser dem, was man halt so hört.

Gina Bucher: Schattengänger. Roman. Edition Bücherlese, Luzern 2026. 248 S., etwa Fr. 31.-

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