POSTKARTEN BUCHTIPP: Das Schweigen, das alles übertönt

Der Schnee kommt langsam. In dünnen Flocken, die nach und nach dichter werden. Lange traut man ihm gar nicht zu, dass er die Welt zudecken kann. Bis er sie auf einmal so gründlich verwandelt hat, dass sie kaum wiederzuerkennen ist. «Ich habe den Schnee in den Knochen», sagt eine alte Frau in Giovanni Orellis wundervollem Buch «Der lange Winter», der jetzt in einer neuen Übersetzung wieder erscheint. Und tatsächlich: Vielleicht spürt man den Schnee mehr, als dass man ihn sieht. Er dringt überall ein, nimmt alles in Besitz und überdeckt es mit Schweigen.

In dem kleinen Dorf im Bedrettotal, in dem Orellis erster, 1965 erschienener Roman spielt, wächst der Schnee von Stunde zu Stunde. Er legt sich auf Dächer und Fensterbretter, kriecht die Hecken hoch und bringt die Häuser zum Verschwinden. Auch auf dem Rücken der Kühe, die von den Tränke kommen, bleibt er liegen. Vom Berg her droht die Lawine. Das wissen alle. Der Wald schützt das Dorf. Aber wie lange noch?

Man erzählt sich dies und das. Die Älteren erinnern sich, wie es früher war, die Jungen wollen weg. Nur weg, bevor es keinen Weg nach draussen mehr gibt. Die Menschen rücken zusammen, spielen Karten, um nicht über das einzige reden zu müssen, über das man noch reden kann: Den Schnee, der nachts die Balken knirschen lässt, als ob er selbst reden wollte. Manche denken an den Tod, der junge Lehrer wünscht sich seine Geliebte zurück.

Manchmal begegnet man sich. Vor dem Stall, auf der Strasse, in der Wirtsstube. Worte braucht es nicht viele. Man versteht sich auch stumm. Und kann sich doch nicht sagen, was man weiss und eigentlich sagen möchte: Dass der lange Winter das Ende einer Zeit markiert. Der Regierungsrat entscheidet, das Dorf zu räumen, bis die Lawinengefahr vorbei ist. Die Bewohner werden weiter unten im Tal provisorisch einquartiert, mitsamt den Tieren. Das Dorf löst sich auf. Die Jungen suchen sich eine Stelle in der Stadt. Die Alten kehren zurück, sobald sie sehen, dass die Bauern in der Ebene das erste Gras mähen. Und machen weiter. Bis wieder Schnee fällt. Giovanni Orelli erzählt das schlicht, nüchtern, still. Wie das Schweigen des Schnees, das alles übertönt.

 

Giovanni Orelli: Der lange Winter. Roman. Aus dem Italienischen übersetzt von Maja Pflug. Limmat-Verlag, Zürich, 2026. 160 S., SFr. 30.-.

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