POSTKARTEN BUCHTIPP: C. F. Meyers Schatten

Seit fast hundertfünfzig Jahren steigt der Wasserstrahl in Conrad Ferdinand Meyers Gedicht «Der römische Brunnen» auf und ergiesst sich fallend in das Rund einer Marmorschale. Was dann geschieht, ist kompliziert, und im Deutschunterricht ging es vor allem darum, zu verfolgen, wie die Verse über rund zwei Jahrzehnte und insgesamt sieben Textfassungen zu ihrer endgültigen Form fanden. Das Bild des Schweizer Dichters war damit geprägt: ein feinsinniger Literat, der in der Stille seines Arbeitszimmers tastend nach dem Rhythmus seiner Sprache sucht. So lange, bis alles stimmt.

Vor zweihundert Jahren wurde Meyer geboren. Ein Jubiläum, das kaum Wellen wirft. Anders, als der 200. Geburtstag von Gottfried Keller vor sechs Jahren. Zu Unrecht. Gründe, Conrad Ferdinand Meyer zu lesen, gibt es mehr als genug. Die Monografie des Zürcher Germanisten Philipp Theisohn ruft einige in Erinnerung und fügt ein paar neue hinzu. «Schatten eines Jahrhunderts» lautet der Untertitel des Buches, das Meyers langen Weg zur Literatur schildert.

Dabei geht es vor allem um Meyers eigene Schatten. Seine überprotektive Mutter hielt ihn lange vom Schreiben fern, um ihn davor zu bewahren, zum Opfer seiner inneren Dämonen zu werden. Ganz unrecht hatte sie nicht. Meyer war gut zwanzig, als ihn die Schwermut das erste Mal zu verschlingen drohte. Ein Aufenthalt in einer Nervenheilklinik wurde nötig. Und vielleicht wäre es tatsächlich das Beste gewesen, der junge Mann hätte fortan ein Leben geführt, das aufs Praktische ausgerichtet gewesen wäre. Nur, das konnte er nicht. Er musste schreiben. Gedichte, Erzählungen, den Roman «Jürg Jenatsch». Werke, die zum Besten gehören, was die deutsche Literatur zu bieten hat.

In Conrad Ferdinand Meyers Gedichten zeigt sich ein abgrundtief trauriger Mensch, der auf der Welt nicht heimisch werden konnte. Seine Erzählungen sind eine illusionslose Auseinandersetzung mit Glanz und Schäbigkeit der Macht. Philipp Theisohn führt auf die Spuren eines grossen Dichters, der nicht nur gelobt, sondern vor allem wieder gelesen werden sollte.

Philipp Theisohn: Conrad Ferdinand Meyer. Schatten eines Jahrhunderts. Biografie. Wallstein-Verlag, Göttingen 2025. 544 S., Fr. 46.90

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 In «99 beste Schweizer Bücher» ist C. F. Meyer mit «Die Versuchung des Pescara» von 1867 vertreten.