POSTKARTEN BUCHTIPP: Leichtfüssig im Nebel

«Sie fühlt nur Nebel. Nebel. Nebel. Sie schlägt heftiger. Nebel. Hämmert noch stärker. Nebel. Ein Hieb mit voller Wucht. Flimmern.»  Die Wucht des Schmerzes reisst einen mitten in den Text von «Nebelflüchtige». Die Mutter ist gestorben. Hirnschlag. Überstürzt reist Aita an, aus Wien ins Unterengadin. Sie irrt durch das grosse Bündnerhaus, durch die Erinnerungen, einige wolkenweich, andere voller spitzer Dornen. Die Zimmer sind gefüllt mit Worten, Düften, Geschichten und gleichzeitig voll überbordender Leere. Sie drückt die Luft zum Atmen ab. Die Brüder wollen das Haus verkaufen. Nicht an Einheimische, meistbietend an Unterländer. Aita willigt ein.

Der Verlust begleitet Aita als «Nebel im Kopf» zurück in ihr Wiener Leben. Sie findet den Tritt nicht mehr, strauchelt, stolpert, hintersinnt sich, verzweifelt – und macht sich wieder auf in die Berge. Dort schlägt ihr von Luis aus dem Dorfladen Unverständnis entgegen: Ein Haus mehr, das dem Geld, dem Folklore-Tourismus geopfert wird. Die Heimat, ihre Bewohner und Interessen reiben sich. 

Flurina Badel betreibt in ihrem Roman «Nebelflüchtige» keine psychologische Innenschau. Luftig und mit sprachlichem Reichtum verflicht sie Aita mit den Dorfbewohnern, den Engagierten wiw Luis, den Scheuen, den Profiteuren, den Zugezogenen. Figuren und Stimmen ergeben leichtfüssig ein komplexes Bild. Badel ist Engadinerin. Sie lebt dort. Den Roman hat sie auf romanisch geschrieben. Sie urteilt nicht, sie beobachtet: die sozialen und wirtschaftlichen Veränderung. Genauso die Natur, die tanzenden Dohlenschwärme, die waghalsig hoch fliegenden Weihen. Und fragt durch nebulöses Rauschen mit Aita, die heimatlos zerbricht, sich der Verantwortung zu stellen. Ein nachdenklicher Roman.

Flurina Badel: Nebelflüchtige. Rotpunktverlag, 2026.  Übersetzung aus dem Vallader: Ruth Gantert («Tschiera», Chasa Editura, 2024). 224 S., etwa  Fr. 30.-

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