POSTKARTEN BUCHTIPP: Zwischen den Wörtern…

Zwischen den Wörtern scheint die Welt auf

Manchmal sind es Bonmots: «Wie schnell fällt Leichtsinn sich selbst zur Last» zum Beispiel. «Der springende Punkt erspart dem Satz das letzte Wort. Und sucht das Gespräch.» Oder «Aus Furcht vor ihrem Verlöschen lässt man Ideen zu Ideologien verkommen». Präzis geschliffene Sätze, die scheinen, als wären sie gemacht, um kurz über den Laufsteg zu eilen, sich vor dem Publikum zu verneigen und so rasch wieder zu entschwinden, wie sie aufgetreten sind. Doch man darf sich nicht täuschen. In Norbert Lüthys Sätzen liegen Widerhaken. Sie sind gut versteckt. Beim ersten Lesen geben sie sich kaum zu erkennen.

«Der Autor studierte Germanistik, Romanistik und Theologie. Anschliessend war er 22 Jahre im Bankwesen tätig und engagiert sich heute im Sozialbereich»: Die Notiz auf dem Umschlag von Norbert Lüthys zwei schmalen Bändchen «Durch das Zeilendickicht» und «Im Dreiklang der Frühe» liest sich fast wie eine Geschichte. Eine Geschichte, wie Lüthy selbst sie gerne schreibt: Zwei, drei Sätze, in denen ein ganzes Leben geschildert wird. Ein Roman in SMS-Format.

Die Geschichte von Herrn A zum Beispiel: «Herr A ist ein strenger Lehrer», beginnt sie. Ein Lehrer, der seine Schüler mit guten Noten bestraft, «weil hie und da Schüler nicht so dumm sein wollen, wie sie es in Wirklichkeit sind». Vier Zeilen weiter heisst es, später werde das Leben sie lehren, wie dumm sie sind. Und dann würden sie sich daran erinnern, «dass Herr A ein guter Lehrer war. Aber ein strenger.» Oder die Geschichte von Walter Ineinem, der sich auf dem Weg zum Bahnhof in einer Buchhandlung Heideggers «Sein und Zeit» kauft, sich mit dem Buch im Zug nicht wohl fühlt, und den Zug schliesslich verlässt, um sich in einer Apotheke ein Medikament gegen Schwindel zu kaufen.

Norbert Lüthys Notate sind Essenzen. Eingekocht auf das Wesentliche. Glasklar stehen sie da und lassen zwischen den Wörtern etwas von der Welt aufscheinen, die sie zu beschreiben versuchen. Fällt sich Leichtsinn selbst zur Last? Wahrscheinlich schon. Aber wie verlöschen Ideen? Vielleicht indem wir sie zum Verlöschen bringen. Weil wir ihnen nicht vertrauen. Oder uns nicht zutrauen, ihnen zu vertrauen.

 

Norbert Lüthy: Durch das Zeilendickicht. Gedichte. Nimbus-Verlag, Wädenswil 2007. 50 S., etwa Fr. 17.-
Norbert Lüthy: Im Dreiklang der Frühe. Gedichte, Gedanken, Geschichten. Nimbus-Verlag, 2010. 52 S., etwa Fr.17.-

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