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POSTKARTEN BUCHTIPP: Die Bibliothek, die Europa träumte
Es beginnt mit einem Zettelkasten: Karteikarten, geerbte Erinnerungen, verstreute Erzählungen. Daraus entfaltet Vanessa de Senarclens eine der eindrücklichsten literarischen Spurensuchen der letzten Jahre. «La bibliothèque retrouvée» erzählt von einer verschwundenen Bibliothek im pommerschen Schloss Plathe (heute Ploty, Polen) und von der Frage, was von der Welt bleibt, wenn ihre Bücher verstummen.
Über Generationen hinweg war diese um 1750 entstandene Bibliothek gewachsen. Der preussische Kammerherr Friedrich Wilhelm von der Osten schuf einen Ort der Aufklärung. Offen für Widerspruch, neugierig auf fremde Gedanken, widerständig gegen Zensur und geistige Enge. Zwischen Aristoteles, Voltaire, Erasmus und naturkundlichen Werken lagerte Wissen und ein aufklärerischer, europäischer Geist. Dann kommt der 3. März 1945. Die sowjetischen Panzer rücken vor. Die Bibliothek zerfällt im Chaos des Krieges, verschwindet, verstreut sich in alle Richtungen.
De Senarclens schreibt kein nostalgisches Buch über Verlust. Die in Berlin lehrende Genferin folgt Spuren, Widmungen, Exlibris und Randnotizen. Sie reist durch Archive und Familiengeschichten, tastet sich an eine Welt heran, die nur noch aus Fragmenten besteht. Gerade daraus entwickelt das Buch seine eigentümliche Sogkraft. Die Bibliothek wird zur eigentlichen Hauptfigur: verletzlich, eigensinnig, beinahe lebendig. Man spürt beim Lesen, wie Bücher Räume schaffen, in denen Freiheit überhaupt erst denkbar wird.
De Senarclens schreibt mit einer seltenen Mischung aus Genauigkeit und Leichtigkeit. Ihre Recherche trägt nie den Staub des Archivs. Alles bleibt in Bewegung, die Gedanken, Zeiten und Stimmen. Der Text durchquert klug und leicht Jahrhunderte und bleibt immer nah bei den Menschen, die diese Bücher gesammelt, gelesen, gerettet oder verloren haben.
«La bibliothèque retrouvée» erzählt letztlich weniger vom Verschwinden einer Bibliothek als vom Fortleben eines offenen Geistes, der Europa einmal geprägt hat. Und vielleicht liegt genau darin seine eigentliche Aktualität. In einer Zeit neuer ideologischer Verhärtungen erinnert uns de Senarclens daran, dass Zivilisation nicht aus Macht entsteht – sondern aus Bibliotheken
Vorerst ist dieses aussergewöhnliche Buch nur auf Französisch erhältlich, doch andere Sprachen folgen sicherlich.
Vanessa de Senarclens: «La bibliothèque retrouvée». Une enquête. Editions Zoé, Genève 2025, 256 Seiten. Etwa Fr. 28.-


© Claassen Verlag / Ullstein