POSTKARTEN BUCHTIPP: Im Beben der Gegenwart

Hayat Erdoğans Debütroman beginnt mit einem Blick aufs Handy. Sechs Uhr morgens. Nachrichtenfetzen flackern über den Bildschirm: Erdbeben. Türkei. Syrien. Kälte. Tote. Und plötzlich gerät alles ins Schwanken. Nicht nur Häuser und Strassen, sondern auch Erinnerungen, Beziehungen, Gewissheiten.

Die Ich-Erzählerin sitzt zwischen Zürich und Anatolien, zwischen Familienanrufen und Pushmeldungen, zwischen Gegenwart und Herkunft. Zahlen, Gesichter, Kindheitsbilder, Liedzeilen – alles wirbelt durcheinander wie Staub nach einer Explosion.

Über vierundzwanzig Stunden und vierundzwanzig «Gesänge» folgt der Roman einer Erzählerin, die sich tastend durch Schmerz, Erinnerungen und Überforderung bewegt. Sie soll in Triest auf einem Symposium über «Arts and Crisis» sprechen. Doch gerade die Sprache entgleitet ihr. Wie über Kunst reden, wenn die Erde bebt? Wie Haltung finden, ohne in fertige Urteile zu flüchten?

Erdoğan schreibt gegen jene kalte Reflexhaftigkeit, die Katastrophen sofort kommentiert und moralisch sortiert. Ihr Roman verweigert die schnelle Geste. Er bleibt offen, verletzlich, suchend.

Dabei liegt eine eigentümliche Zärtlichkeit in diesem Text. Immer wieder schweift die Erzählerin ab: zu Männern, die gegangen sind, zu Frauen, die warten, lieben, sich verlieren wie Penelope im Schatten fremder Erwartungen. Joyce und Homer schimmern durch diese Seiten, nicht als Referenz, eher als ferne Stimmen einer alten Orientierungslosigkeit.

Erdoğan schreibt in einem Rhythmus aus Gedankenstössen, Reflexionen und leisen Selbstgesprächen. Mal spröde, mal poetisch, dann wieder glasklar. Besonders stark wird der Roman dort, wo Denken und Fühlen ineinander übergehen. Wo Sehnsucht nicht ins Pathetische kippt, sondern existenziell bleibt.

Vielleicht liegt gerade darin die Kraft dieses Buches: Erdoğan liest Joyce, ein zentraler Orientierungspunkt in ihrem Leben, nicht aus ehrfürchtiger Distanz. Immer wieder kreist der Roman um seine Biografie und einzelne Kapitel des «Ulysses», um jene rastlose Form des Denkens und Erinnerns, die ihre Erzählerin durch Katastrophe, Sehnsucht und Selbstzweifel trägt. Joyce wird so zu einer leisen, beständigen Gegenwart in diesem Roman.

Die Erzählerin irrt vierundzwanzig Stunden lang durch Nachrichten, Erinnerungen und Sehnsüchte wie durch eine moderne Odyssee – erschöpft, heimatlos, hellwach. Und doch bleibt ein leiser Widerstand gegen Verhärtung spürbar, gegen Zynismus und schnelles Urteilen. «Hauptsache kein Zeitgeist» ist ein Roman, der zeigt, dass Literatur eine empfindsame Art sein kann, in der Welt zu bleiben, auch wenn sie aus den Fugen gerät.

Hayat Erdoğan: Hauptsache kein Zeitgeist. Claassen Verlag, Berlin 2026, 304 Seiten, rund 35 Fr.

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