POSTKARTEN BUCHTIPP: Dreitausendfünfhundert Zeichen

Es beginnt mit Augusta und endet mit Zélie. Dazwischen kommen Harriet, Kaisa oder Norma. Anna Stern erzählt von sechsundzwanzig Frauen, und sie erzählt sechsundzwanzig Geschichten. Kurze Geschichten. Jede umfasst einen Satz, alle sind genau gleich lang. Dreitausendfünfhundert Zeichen. Doch es sind nicht einfach kleine Geschichten. Und am Ende ist jede Geschichte mehr als nur eine Geschichte. Sie ist Teil eines Geflechts, das sich durch die Geschichten zieht. Das sie miteinander verbindet. Genauso wie die Frauen, von denen die Geschichten handeln.

Augusta hat mit Ann zu tun. Aber auch mit Umay. Und mit Isabeau genauso. Irgendwie hängt auch Ebony damit zusammen. Und Tove möglicherweise auch. Das spürt man beim Lesen. Aber erst nach und nach. Und in dem Mass, wie man es spürt, wird der schmale Erzählband von Anna Stern zu einem tückisch komplizierten Patchwork von Texten, die sich zu einem einzigen Text formen. Einem grossen Text, den es so nicht gibt, der aber auf verwirrende Weise ebenso real ist, wie die Texte, aus denen er sich zusammensetzt. Auch wenn er einem immer wieder aus der Hand gleitet.

Die Frauen, die Anna Stern schildert, sind Versehrte. Verloren in einer Welt, die ihnen fremd ist, einsam in der Beziehung zu einem Mann, der sie schlägt, gefangen in einem Körper, der nicht der ihre ist, aufgebaut aus Algorithmen oder auf ein Ich vertrauend, das sie selbst nicht kennen und von dem sie hoffen, dass es sich im dampfigen Badezimmerspiegel zeigt: Julia, Jules oder Julian. Manche möchten fliehen, aber finden den Mut dazu nicht. Weil sie wissen, dass sie mit der Flucht nicht nur das zurücklassen, was sie fürchten, sondern auch einen Teil von sich selbst unwiederbringlich verlieren. Oder weil sie sich bereits verloren haben. Im Vergessen, das sie umhüllt wie ein ferner Nebel. Oder in der Weite einer sternverblümten Himmelswiese.

Anna Stern: aber morgen ein neuer tag. Erzählungen. Lectorbooks, Zürich 2026. 128 S., Fr. 31.90.

Instagram für mehr Bilder