Piero Bianconi, Der Stammbaum, 1967

Chronik einer Tessiner Familie, vor 60 Jahren geschrieben – weiter aktuell

Es war ein entsetzliches Leben, hätte man nicht die Gewissheit gehabt, in den Himmel zu kommen. Doch auch diejenigen, welche diese Gewissheit nicht hatten, harrten zähe aus, heisst es in Piero Bianconis «Stammbaum» einmal. In Mergoscia ist es tatsächlich karg. Ein kleines Dorf auf einer steilen Geländerippe des Verzascatals. Aus grauem Stein gemauerte Häuser, die sich aneinander drängen. Auf dem einzigen freien Platz eine Kirche, die wirkt, als wäre sie für eine viel grössere Siedlung gedacht. Wo möglich, hat man dem Gelände eine Terrasse abgetrotzt, um Gemüse zu pflanzen. Ein wenig Mais, vielleicht Kartoffeln. Im besten Fall.

Heute ist Mergoscia das, was man in so berechtigter wie unbedachter Verniedlichung als «Bijou» bezeichnen würde. Früher, vor zwei-, dreihundert Jahren war es fast unmöglich, hier sein Auskommen zu finden. Das Leben – eine Plackerei vom ersten bis zum letzten Tag. Von allem war zu wenig da, und das Wenige, das man zum Leben braucht, musste man dem Boden mühsam abringen. Bianconis Grossmutter rupfte Grasbündel aus und kochte sie, damit sie und ihre Familie etwas zu essen hatten. Seine Tante bekam als junge Frau zum ersten Mal Weissbrot zu essen. Die Menschen kannten den Geschmack aller Kräuter, die auf den mageren Wiesen zu finden waren. Ausser denen, die hart waren wie Fischgräte, wurden alle gegessen.

In den 1960er Jahren besucht Bianconi das Dorf, aus dem seine Familie stammt. Es ist verlassen. Die Häuser sind am Verfallen, «die wenigen übriggebliebenen Ställe sehen aus wie Tiere, die sich dort am Ufer des Wassers zum Trinken niederkauern». Bianconi sieht die Trümmer des Stalls, in dem seine Mutter zur Welt gekommen ist. In den Überresten eines Wohnhauses findet er eine Truhe mit alten Papieren: Dokumente, Verträge, Urkunden, das Wenige, was man halt aufbewahrt in einem Haushalt, in dem der Alltag zu viel Kraft kostet, als dass man Schriftlichem viel Aufmerksamkeit widmen könnte. Vor allem aber findet er Briefe von jungen Leuten, die das Tal verlassen hatten, hundert Jahre früher. Die nach Australien oder Kalifornien gezogen waren, um dort ihr Glück zu suchen. Um bald zu merken, dass Glück auch auf der anderen Seite der Erde Mangelware war.

Was die Ausgewanderten den Zuhausegebliebenen über ihr Leben erzählen, ist traurig. Not, Entbehrung, kaum Hoffnung. Das Leben ist nicht so, wie sie es sich erträumt hatten, dafür durchzogen von Heimweh, das alles vergiftet, auch die wenigen Freuden, die man sich vielleicht einmal gönnte. Von denen, die auswanderten, kamen einige mehr oder weniger gut situiert zurück, wenige wurden wohlhabend. Die meisten kamen, wie sie gegangen waren, höchstens um ein paar bittere Erfahrungen reicher. Manche konnten nicht einmal das Darlehen für die Reise zurückzahlen. Anhand von Briefen seiner Verwandten und Erinnerungen an die Erzählungen der Eltern und Grosseltern schafft Piero Bianconi eine Hommage an ein Tal, das es seinen Bewohnern nicht einfach machte. An Menschen, die in ihrer Heimat kaum leben konnten. Aber ohne sie auch nicht.

Piero Bianconi: Der Stammbaum. Chronik einer Tessiner Familie. Limmat Verlag. Übersetzung Hanneliese Hinderberger/ Nachwort Renato Martinoni/ Mit Fotos/Dokumenten. 224 S., etwa Fr. 34.-

  • Lebensdaten
    1899 (Minusio) – 1984 (Minusio)
  • Originaltitel «Albero genealogico»
  • Lesetipps
    «Ritagli» (1943)
    «Croci e rascane» (1943)
    «Francesco Borromini» (1967)
  • Fussnoten
    In «Der Stammbaum» schildert Piero Bianconi anhand der eigenen Familie vom Schicksal der Bewohner des kleinen Tessiner Bergdorfs Mergoscia. Es ist der einziger Roman des Schriftstellers und Kunsthistorikers.

    # Heimat, Armut, Dorf, Migration, Familie