POSTKARTEN BUCHTIPP: Die Füsse der Wahrheit

Die Wahrheit ist ein seltsames Ding. Bei den alten Griechen war sie eine Göttin: Aletheia. Eine Tochter des Zeus, der es selbst mit der Wahrheit nicht so genau nahm. Eine Mutter hatte Aletheia nicht. Prometheus formte sie aus einem Klumpen Lehm. Aber noch bevor er damit fertig war, hatte Dolos, der Gott der List, eine Figur geformt, die der Aletheia in allem gleich war. Fast allem. Die falsche Aletheia hatte keine Füsse, weil dafür nicht mehr genug Ton übrig war. Prometheus merkte das allerdings nicht und hauchte beiden Wahrheiten Leben ein. Die echte Wahrheit machte sich auf in die Welt, die falsche blieb, wo sie war.

Man kann darüber streiten, was das bedeutet. Kann man die falsche Wahrheit nun von der richtigen unterscheiden oder nicht? Lässt sich die richtige schwerer fassen, weil sie sich dauernd entzieht? Und weiss man, was die richtige Wahrheit ist, allein deshalb, weil man die falsche kennt, die an Ort und Stelle verharrt? Fork Burke weiss, wie tückisch das ist, was wir Wahrheit nennen. «Alithea» lautet der Titel ihres Bandes mit Texten, die sie als Poems, bezeichnet. Gedichte. Das sind sie auch. Vielleicht. Aber was heisst das schon. Burkes englische, von Lydia Dimitrow einfühlsam übertragene Texte sind vielleicht eher Notate. Wie nebenbei hingeworfene Zeilen, deren Sprengkraft man oft erst beim zweiten Lesen erkennt.

Fork Burke wurde in Detroit geboren, studierte in New York und lebt seit sieben Jahren in Biel. Sie beschäftigt sich intensiv mit Schwarzer Geschichte und Rassismus. «And not or remains – get rid of boxes – reality presents separate human beings – learn from your sleep – the color of life is backing up – be more than decay», heisst es in einem ihrer Texte: «Und nicht oder bleibt – weg mit Schubladen – die Wirklichkeit birgt einzelne Menschen – lern von deinem Schlaf – die Farbe des Lebens gibt Deckung – sei mehr als Verfall». Das wäre so etwas wie eine Anthropologie im Kleinstformat. Und ein Plädoyer dafür, dass es Wahrheit nicht gibt. Sondern dass wir sie schaffen müssen.

 

Fork Burke: Alithea. Poems/Gedichte. Übersetzt von Lydia Dimitrow. Verlag Die Brotsuppe, Biel 2025. 128 S., Fr. 24.-.

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