POSTKARTEN BUCHTIPP: Von Klang- und Erinnerungskapseln


Die Welt ist zum Greifen nah, wenn der Vater ihr den Feldstecher reicht – zuvor aber legt er ihr den Sicherheitsriemen um den Hals. So erinnert sich die Dirigentin und Musikerin Graziella Contratto im Einstieg zu ihrem Debütroman «Meitsch». Das optische Instrument zoomt Begebenheiten aus ihrer Kindheit und Jugend in Schwyz heran: geprägt von Glockenklängen zu katholischen Hochfesten und Ritualen, Spielen mit Geschwistern und Nachbarskindern sowie vom Geigenunterricht. 

Contrattos Blick ist klar fokussiert; man meint die Kinderaugen blitzen zu sehen, wie sie die Rasur des Vaters beobachtet: wie es im Schaumtiegel schmatzt, er den Rasierschaum aufträgt, ihn wegschabt und schliesslich den duftenden Saft auf die Wangen klatscht. Das Schminken der Mutter hat weniger Akustik, wenn sie den Lidstrich zieht, die Haare toupiert – ausser sie lacht dabei, bis sich ihre Nüstern blähen.

Doch wo verläuft die Bruchstelle ins Erwachsenwerden? Contratto nutzt den Stimm- und Wortklang. Wenn sie «Werbereitschaft» nicht versteht, die Bezeichnung für ein Soldaten-Denkmal, weil ihr das «H» fehlt. Graziella verwechselt Requisite und Reliquie, hört jedoch Tonhöhen und Intervalle und spielt den Fingersatz der linken Geigenhand beim Singen automatisch in die Luft. Ein Stück erwachsener wird sie, als sie mit der «Meitsch» genannten Mutter angstvoll ins Spital stürmt, wo der Vater notfallmässig operiert wurde; die Mutter gesteht, dass auch sie den Begriff nicht versteht. Erst als der Vater auf eine noch nie gehörte Weise lacht und das englische Wort «Laser» erklärt, stimmen alle drei ins Lachen ein und rücken näher zusammen.

Seither ist viel Zeit vergangen. Graziella Contratto ist eine virtuose Musikerin und Dirigentin geworden. In ihrem Roman beschreibt sie, wie sie Debussys «Prélude» erstmals von einer Kassette eines Verehrers hört: «Ein Klavierstück mit viel Pedal, alles schwebt frei.» Dann geht es weiter, als würde sie erklären, wie sie schreibt: «Viele kleine Klangkapseln saugen sich an mir fest, dann ploppt alles auf und wir verklingen.» Ein klang- und humorvolles Buch.

Graziella Contratto: «Meitsch». Roman. Atlantis Verlag, 2026. 176 S., etwa Fr. 31.-

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