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POSTKARTEN BUCHTIPP: Eine Stadt, ein Tag, ein Satz
Spazieren ist eine alte literarische Form des Denkens. Bei Robert Walser wird der Weg zum Ereignis, bei James Joyce der 16. Juni 1904 zur Weltreise eines einzigen Tages. Leopold Bloom geht – angelehnt an die antike Odyssee-Erzählung – durch Dublin, und seither gehen andere mit. Der «Bloomsday» hat Generationen von Schreibenden dazu gebracht, durch Städte zu streifen, zu schauen, sich zu erinnern, abzuschweifen. Reto Hänny nimmt diesen Weg auf. Sein Buch steht dabei, wie der Titel sagt, im Schatten.
«Blooms Schatten» ist keine verkürzte Ausgabe des «Ulysses». Hänny nimmt dessen Gerüst und baut daraus etwas Eigenes. Bloom frühstückt, geht zur Post, durch Strassen und Kneipen, kommt am Friedhof vorbei, an Bibliothek und Bordell. Im Hintergrund seine Frau Molly und der Mann, von dem Bloom ahnt, dass sie ihn empfangen wird. Viel geschieht nicht. Und gerade darin liegt die eigentliche Bewegung dieses Buches.
Denn Hänny interessiert weniger, was Bloom erlebt, als das, was sich unterwegs in ihm regt. Eine Wahrnehmung ruft die nächste, ein Name einen anderen, ein Geruch eine Erinnerung. Dublin wird zur Landschaft des Bewusstseins. Alles ist in Bewegung.
Dazu gehört die Form. Beinahe das ganze Buch ist ein einziger Satz. Er eilt nicht einfach dahin. Er stockt, biegt ab, nimmt Anlauf, kehrt zurück. Doppelpunkte und Semikolons geben ihm Atem und Rhythmus. Manchmal muss man langsamer lesen, als man möchte.
Joyce ist dabei allgegenwärtig, aber Hänny bleibt nicht bei ihm stehen. Seine Sprache nimmt Zeitungston, Alltagssprache und literarische Erinnerungen auf. Shakespeare kann neben einer banalen Beobachtung stehen, ohne dass daraus eine gelehrte Geste wird.
Nicht jede sprachliche Volte überzeugt. Bisweilen spürt man die Freude am seltenen Wort etwas zu deutlich. Doch das Buch lebt gerade von seinem Wagnis. Es will nicht erklären, sondern klingen. Am Ende steht Mollys Ja. Nach diesem langen, unaufhörlichen Satz wirkt es zugleich wie Ankunft und neuer Anfang. «Blooms Schatten» ist kein Ersatz für Joyce. Es ist etwas Interessanteres: die Spur, die ein grosser Roman im Kopf eines anderen Schriftstellers hinterlassen hat.
Reto Hänny: Blooms Schatten. Matthes & Seitz, Berlin 2014. 145 S., etwa Fr. 33.-


©Nagel & Kimche
© Atlantis Verlag