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Ludwig Hohl, Bergfahrt, 1926
Hochmut im Gebirge
Wer Ludwig Hohls Erzählung »Bergfahrt« gelesen hat, wird nie mehr ganz unbeschwert ins hohe Gebirge steigen, zu einprägsam sind die Gewalt der Natur und die Gefahren der Bergwelt in dieser Novelle gezeichnet. Der Berg steht symbolisch für die Natur, welcher der Mensch immer unterlegen bleibt, umso mehr wenn er hochmütig glaubt, sie zu bezwingen.
Zwei Alpinisten planen eine Bergbesteigung. Der eine blickt ehrgeizig und zielstrebig auf den Gipfel, sein Gang ist geschmeidig und sicher, der andere wirkt unentschlossen und jeder Schritt kostet ihn Kraft. Schon zu Beginn der Erzählung beschleicht einen ein ungutes Gefühl. Zwei Kameraden, die unterschiedlicher nicht sein könnten, kann das gut gehen? Zur frühen Morgenstunde steigen sie in die Höhe. Der mächtige Gipfel erscheint ihnen wie ein ungeheures Schiff im grünen Meer.
Obwohl es schon Frühsommer ist, stossen sie bald auf ausgedehnte Felder Winterschnees. Die Alphütte ist eingeschneit und das Wetter schlägt rasch um. Eindrücklich beschreibt Hohl wie die liebliche Landschaft sich schnell verändert, aus stolzem Gebirge werden finstere Felsmassen und zornige Eiswände, während die lieblichen Täler sich in Höllenschluchten verwandeln. Wo der Himmel vor Kurzem noch blau leuchtete, hängen nun dicke Wolken bedrohlich herab und schwarzer Nebel steigt auf. Wie unheimliche Gestalten ragen die Séracs, scharfkantige Türme aus Gletschereis, in die Höhe. Bald verlässt den einen der Mut, er kehrt um, und den anderen ergreift falscher Ehrgeiz, er will sich von seinem Vorhaben nicht abbringen lassen. Die Wut über das Unvermögen seines Kameraden obsiegt über die alpinistische Vorsicht. Er setzt den Anstieg im Alleingang fort, verliert seinen Pickel und unterliegt im Kampf gegen den Gletscher. Dem Mutlosen ergeht es nicht besser: Als er erleichtert im Tal ankommt, missachtet er die Warnung eines Bauern, verlässt den Weg und steigt querfeldein den glitschigen Abhang hinab. Der sumpfartige Grund bietet seinen Füssen keinen Halt und so rutscht der Überhebliche in die Tiefe in einen reissenden Bergbach.
»Warum steigt ihr auf die Berge? Um dem Gefängnis zu entrinnen.« Dem Tod entkommt keiner, wie Ludwig Hohl in seiner Erzählung eindrücklich zeigt.
Ludwig Hohl: Bergfahrt. Suhrkamp Verlag, Bibliothek Suhrkamp 1484, 96 S. etwa Fr. 20.-
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Aus «99 beste Schweizer Bücher», Verlag Nagel & Kimche
siehe auch Ludwig Hohl «Die seltsame Wendung»
- Lebensdaten
1904 (Netstal) – 1980 (Genf) - Lesetipps
«Die Notizen oder von der unvoreiligen Versöhnung» (1934 – 1936)
«Die seltsame Wendung» -
Fussnoten
Ludwig Hohl hat «Bergfahrt» 1926 begonnen und in den folgenden Jahrzehnten mehrmals überarbeitet. Der Schriftsteller war selbst ein wilder Kletterer und leidenschaftlicher Bergsteiger. Hohl hat auch Einfluss auf jüngere Schweizer Autoren ausgeübt, zum Beispiel in Roman Grafs Roman «Niedergang»,
eine Art Hommage an Hohls «Bergfahrt», der 2013 für den Schweizer Buchpreis nominiert war.# Berge, Tod, Natur, Mythen, Ausbruch


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