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POSTKARTEN BUCHTIPP: Licht über bewegtem Wasser
Ilma Rakusa gehört zu jenen Stimmen, die nicht laut werden müssen. Seit Jahrzehnten öffnet sie Fenster nach Mittel- und Osteuropa, beharrlich, neugierig, mit grosser Genauigkeit. Als Kritikerin, etwa in der NZZ, als Essayistin, als Übersetzerin von Prosa und Lyrik. Sie bringt Autoren ins Deutsche, deren Klang sonst verloren ginge. Ihre eigene Person hält sie zurück. Entscheidend bleibt der Satz, seine Bewegung, seine Musik.
Zum achtzigsten Geburtstag rückt mit «Mehr Meer» ein Buch ins Zentrum, das diese Haltung spiegelt. Ein Buch, das 2009 mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet wurde. Kein Lebensbericht, kein abgeschlossenes Selbstporträt. Der Untertitel spricht von Erinnerungspassagen, und genau das sind diese Texte: kurze Stücke, Annäherungen, tastende Bilder. Menschen tauchen auf, verschwinden wieder. Orte leuchten auf, Budapest, Ljubljana, Triest, Zürich. Landschaften tragen Geschichte in sich, leise, unausgesprochen. Alles fügt sich zu einem Mosaik, offen, durchlässig, voller Zwischenräume.
Rakusa wurde 1946 im slowakischen Rimavská Sobota geboren, als Tochter einer Ungarin und eines Slowenen. Die frühen Jahre sind geprägt von Ortswechseln, Sprachen, politischen Verschiebungen. Später studiert sie Slawistik und Romanistik in Zürich, Paris und Leningrad, promoviert, lehrt, übersetzt, schreibt. Diese Biografie klingt in «Mehr Meer» nach, ohne erklärt zu werden.
Die Sprache bleibt knapp, hell, konzentriert. Man spürt die Nähe zur Lyrik. Jeder Satz weiss um sein Gewicht. Gerüche, Licht, Geräusche tragen Erinnerung. Das Meer kehrt wieder als Bild für Weite, Bewegung, Versprechen. Beim Lesen öffnet sich eine vergangene Welt, reich an Menschen, Gesten, Kulturen. Nichts drängt sich auf. Vieles schwingt nach. «Mehr Meer» ist ein leises, vibrierendes Buch. Eines, das bleibt.
Ilma Rakusa: «Mehr Meer», Erinnerungspassagen. Literaturverlag Droschl, 2009. 324 S., etwa Fr. 34 .-


© Éditions Les Arènes