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POSTKARTEN BUCHTIPP: Mutter und Tochter
Katja Früh ist eine der besten Kolumnistinnen der Schweiz. Vielleicht die beste. Nur etwas ist bedauerlich an ihren Texten im Magazin des «Tages-Anzeigers»: dass sie nicht jede Woche, sondern nur alle zwei Wochen erscheinen. Kaum jemand kann so zwanglos und uneitel von sich erzählen. Und dabei trotzdem nicht nur über sich reden. Sondern über all das, was einen halt so beschäftigt, wenn man nicht mehr ganz jung ist, das eine oder andere schon hinter sich hat, trotzdem noch nicht bereit ist, alle Wünsche zu begraben, und sich fragt, was man denn allenfalls noch vor sich haben könnte. Und ob man das alles wirklich schaffen wird.
Mit 72 hat sich Katja Früh jetzt einen Wunsch erfüllt und ihren ersten Roman geschrieben. Man könnte auch sagen: Sie hat es gewagt, sich den Wunsch nach einem Roman zu erfüllen, nachdem sie lange gezögert hatte. Das Wagnis hat sich gelohnt. «Vielleicht ist die Liebe so» ist eine Geschichte, die sich so locker entwickelt wie Frühs Kolumnen. Und zugleich so straff organisiert ist wie die Soap Opera «Lüthi und Blanc», die Früh für das Schweizer Fernsehen geschrieben hat.
Da ist eine egozentrische Mutter, die beschliesst, ihrem Leben ein Ende zu setzen, damit die ganze Familie durcheinanderbringt und bei Anja, der Tochter, Fragen aufwirft. Über sich selbst, ihre Mutter, ihre Familie und das, was alle miteinander verbindet. Vielleicht aber auch trennt. Möglicherweise sind es ja gerade die Ähnlichkeiten, die einen am meisten mit denen entzweien, die einem am nächsten stehen. Abgesehen davon hat man kaum Zeit zum Nachdenken, wenn man die ganze Zeit die Küche aufräumen, Wäsche waschen, arbeiten und dazu noch ein Beziehungsleben pflegen soll, dass früher auch schon mal einfacher war.
Man kann nicht keine Beziehung haben, das bekommt Anja zu spüren. Vor allem nicht zur eigenen Mutter, auch wenn diese einem vorwirft, nicht fähig zu sein zur Liebe. Und man kann nicht leben ohne die Anerkennung der Eltern. Man sucht sie ein Leben lang. Und lebt vielleicht nur für sie.
Katja Früh: Vielleicht ist die Liebe so. Roman. Diogenes-Verlag, Zürich 2025. 304 S., Fr. 34.90


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