POSTKARTEN BUCHTIPP: Explosion in Zürich

Der Frühling kommt jedes Jahr in voller Blütenpracht – genauso kommt das Sechseläuten, das traditionelle Zürcher Frühlingsfest. Der Umzug historisch kostümierter Zünfter mit fröhlicher Blasmusik, Pferden und Prominenz gipfelt in der Ermordung des winterliche Bööggs: auf einem riesigen Feuerhaufen verbrennt der mit Knallpetarden gefüllte Schneemann. Explodiert der Kopf, jubelt die Zuschauermenge.

In «Sechseläuten», dem Kriminalroman von Michael Theurillat, findet parallel zum Freudenfeuer eine Frau den Tod im Getümmel. Der zufällig anwesende Kommissar Eschenbach versucht vergeblich zu reanimieren: Plötzlicher Herzstillstand. Doch was hat der Junge mit den angstgeweiteten Augen gesehen, der seitdem kein Wort mehr spricht?  Der Kommissar zweifelt am Unfalltod und verlässt sich auf sein Bauchgefühl. Zu undurchsichtig erscheinen ihm die Heimlichtuerei der Familie und das hektische Eingreifen der FIFA – jenes milliardenschweren Fussballkonzerns, für den die Tote arbeitete. Der eigenwillige Kommissar gerät bald unter Druck: verletzt, suspendiert und von seiner Vorgesetzten drangsaliert.

Theurillat, der Krimiautor und ehemalige Banker, hat den dritten von sechs Eschenbach-Krimis bereits vor einigen Jahren verfasst. Sein Plot bleibt aktuell – raffiniert gebaut, faktenreich und engagiert recherchiert.

Der Autor verwebt das Machtstreben des in Zürich ansässigen Weltfussballverbands mit einem dunklen Kapitel der Schweizer Fürsorge, den «Kindern der Landstrasse», wo Jenische Familien auseinandergerissen und verstümmelt wurden. Die Tentakel der skrupelloser Strategen finden sich im Krimi «Sechseläuten» wieder.

Wer dieses Jahr also keine Lust auf den fröhlichen Umzug von Zunftleuten verspürt, der vertiefe sich in «Sechseläuten», bis nach sechs Uhr das Feuer dem Böögg den Garaus macht und endgültig den Frühling einläutet.

Michael Theurillat: Sechseläuten. Kriminalroman. Ullstein Verlage, 2010/List Taschenbuch. 336 S., etwa Fr. 17.-

Instagram für mehr Bilder