POSTKARTEN BUCHTIPP: Was die Schweiz zur Schweiz macht

1961 ist dieser Text entstanden. Aber er benennt Probleme, die drängender sind als je: Einzelne Abschnitte in Herbert Lüthys Essay «Die Schweiz als Antithese» lesen sich, als wären sie heute geschrieben. Zum Beispiel die Überlegungen, die sich der brillante Schweizer Historiker und Publizist Lüthy (1918-2002) über die Neutralität machte: Die Schweiz versuche sich in einem traditionellen Verständnis von Neutralität zu verschanzen, schreibt er: einer Vorstellung, die sich auf eine gar nicht mehr bestehende historische Konfliktsituation beziehe, «fast als müsste Europa gespalten bleiben, damit die Schweiz darin neutral bleiben kann». 

Die Zeiten haben sich geändert. Europa hat sich geeint. Die Schweiz muss sich zurechtfinden. Und vielleicht wäre es Zeit, sich von Haltungen zu lösen, die sich bei näherem Hinsehen als Illusionen erweisen, auch was die Neutralität betrifft. Es genüge, schrieb Lüthy, einen Blick in eine Schweizer Zeitung zu werfen, um festzustellen, «dass dieses neutrale Land das am wenigsten neutralistisch gesinnte Land der Welt ist und dass seine öffentliche Meinung mit grosser Einmütigkeit in leidenschaftlichen Beifalls- und Pfuirufen zu den grundlegenden Konflikten der Gegenwart Partei nimmt.»

Die Neutralität ist nur eines der Schweizer Paradoxe, die Lüthy sich vornimmt und analysiert – klar, kritisch, aber mit grosser Bewunderung für ein Land, dessen Erfolgsrezept er darin erkennt, dass es kein Rezept gibt. Weil das, was die Schweiz zu dem gemacht habe, was sie ist, sich nicht kopieren lasse: Ein Land, das aus lauter Minderheiten bestehe und demokratisch genau deshalb so gut funktioniere – weil es nur «Gelegenheitsmehrheiten» gebe, die von Fall zu Fall ändern. Ein Land, das den Fährnissen der Geschichte gerade deshalb getrotzt habe, weil es sich nie zur Einheit machen liess, sondern ein lebendiges Gebilde von autonomen Einheiten blieb. Ob das ein taugliches Modell für die Zukunft ist? Lüthy lässt es offen. Aber sein Essay liest sich mit Gewinn, auch über sechzig Jahre, nachdem er geschrieben wurde. 

 

Herbert Lüthy: Die Schweiz als Antithese. Erstmals auf Deutsch erschienen in: Nach dem Untergang des Abendlandes, Zeitkritische Essays, Köln 1964, S. 1-55;
Auch in: Herbert Lüthy «Gesammelten Werke», NZZ Libro, Zürich 2002–2005 sowie www.herbert-luethy.ch «Die_Schweiz_als_Antithese»

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