Bleiben Sie informiert:
POSTKARTEN BUCHTIPP: Worüber Familien schweigen
Familiengeschichten lassen einen nicht los. Sie reichen weiter, als man manchmal wahrhaben möchte, über Generationen hinweg, durch Zeiten und Länder. Auch Sonja Sophie Kreis wendet sich in ihrem ersten Roman der eigenen Familiengeschichte zu. Die Fotografin, bildende Künstlerin und Autorin von Kurzgeschichten erzählt in «Das grosse Eis» autobiografisch grundiert und mit einem feinen Gespür für die Spuren, die Vergangenes hinterlässt.
Ausgangspunkt ist eine Reise nach Grönland. Anna will ihrem Bruder Alex ein Bild, eine Winterlandschaft von Adolf Dietrich, aus dem Elternhaus bringen, ein Erbstück. Seit über vierzig Jahren lebt er in der Ferne, die Geschwister haben sich längst voneinander entfernt. Doch Alex ist im Landesinneren unterwegs, das Wetter verhindert die Weiterreise. Während Anna wartet, beginnt sie sich zu erinnern: an die Eltern, die Grosseltern, den Bruder und die eigene Kindheit. Die Erinnerungen folgen keiner Chronologie. Sie greifen ineinander, ergänzen sich, widersprechen einander. Nach und nach entsteht das Bild einer Familie, in der vieles im Dunkeln geblieben ist.
Weiss, Winter, Kälte und Eis prägen die grönländische Landschaft und den Grundton des Romans. Sie spiegeln auch die Beziehungen zwischen den Menschen. Zwischen Anna und Alex ist die Nähe verloren gegangen; auch in der Ehe der Eltern blieb vieles fremd und unausgesprochen.
Wie Geschichte in ein Familienleben hineinwirkt, zeigt sich besonders am Bodensee. Die deutsche Mutter hat Krieg, Hunger und Angst erfahren, ihr Schweizer Mann blieb von diesen Erlebnissen weitgehend verschont. Die Grenze trennt nicht nur zwei Länder, sondern auch unterschiedliche Erfahrungen.
Kreis erzählt leise, subtil von den Schrecken des Zweiten Weltkriegs, von Verfolgung, Deportation und der Flucht jüdischer Menschen über den Bodensee. Auch ein Maler, der Verfolgten zur Flucht verhalf, gehört zu diesem Geflecht. Daneben stehen familiäre Geheimnisse und kleine wie grosse Tragödien.
Kreis führt die verschiedenen Zeiten und Schicksale behutsam zusammen. Sie erklärt nicht alles und löst nicht jeden Widerspruch auf. Gerade die Leerstellen machen spürbar, wie lange Vergangenes in einer Familie nachhallen kann. Der unsichtbare Sturm, der Anna in Grönland begegnet, wird so auch zum Bild für jene Kräfte, die unter der Oberfläche weiterwirken.
«Das grosse Eis» ist ein vielschichtiger, schön geschriebener Roman über Herkunft, Entfremdung und die Macht der Erinnerung.
Sonja Sophie Kreis: «Das grosse Eis». Berlin 2026, 256 S., etwa Fr. 35.-
Nominiert für den Schweizer Buchpreis 2026


© Limmat Verlag