POSTKARTEN BUCHTIPP: Die Natur hört mit

Ein Campingplatz am Rand des Meeres. Pinien rauschen, werfen Schatten. Wind streift über staubige Wege. Hier hausen Menschen. Sie gehen aneinander vorbei, bleiben bei sich. Wie langgezogene existenzielle Figuren des Schweizer Künstlers Alberto Giacometti, ausgedünnt, nach innen gekehrt. Und doch durchlässig für das, was sie umgibt, die inneren und äusseren Naturkräfte.

Da ist die alte Frau, in deren Kopf Sprachen aufblitzen. Erinnerungen kommen in Fragmenten, in Rätoromanisch, Italienisch, Englisch, Deutsch. Ein Satz bricht ab, ein anderer beginnt. Die Vergangenheit ist zugleich Bewegung und Gegenwart. Phine trägt den Tod der Mutter wie eine zweite Haut. Bo ringt mit einem Glauben, der eher fesselt als hält. Jochen wurde von seiner Frau und den Kindern verlassen, sinniert über Verlust, Scheitern und Einsamkeit. 

Es gehört zum Schwierigsten, Bewegungen und Gedanken, die sich entziehen, in Prosa zu fassen. Im Romandebüt «Schatten der Pinus» gelingt es. Man spürt: Die Autorin Martina Caluori kommt aus der Lyrik. Worte finden einander. Sätze atmen. Zwischenräume sprechen.

Die Handlung löst sich fast auf. Stattdessen flimmern Zustände, Stimmungen, Licht, Schatten, Hitze, das ferne Meer. Die Natur ist nicht Hintergrund. Sie antwortet, verschmilzt mit den Figuren, trägt sie.

Man liest langsam, hört den Stimmen zu. Jedes der kurzen Kapitel ist einer Figur gewidmet. Und man merkt, wie sich etwas verschiebt. Es ist kaum greifbar, aber deutlich. Ein leiser Sog. Berührend. Ein Echo von ineinander übergreifenden Lebensgeschichten.

Martina Caluori: Schatten der Pinus, Lektorbooks, Zürich 2026, 114 Seiten, ca. 29 Fr.

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