POSTKARTEN BUCHTIPP: Rauschende Blätter, tiefblauer Himmel

Früher waren Sommertage so lang, dass man sich in ihnen verlieren konnte. Sonnenschein hinter grünen Blätterdächern, das Flimmern des Himmels in der Hitze, und über allem lag wohlige Langeweile. Roxana verbringt den Sommer bei der Grossmutter und der Grosstante in Bușteni, einem kleinen Dorf in den Bergen Rumäniens. Sie verbringt die Zeit mit ihrem Freund Camil, der dort lebt, beim Schlagbaum des Bahnübergangs. Die beiden tun, was Kinder in den Sommerferien tun. Sie leben in den Tag hinein, beobachten die Leute im Dorf, lachen, erzählen sich Geschichten und versuchen herauszufinden, was das eigentlich ist: Liebe.

Jahre später erfährt Roxana von Camils Tod. Er wurde von einem Stromschlag getroffen, in einem verlassenen Industrieschiff. Vielleicht weil er Kupferkabel stehlen wollte, aber wer weiss das schon so genau. Er ist tot, ihr erster und bester Freund, und Roxana erinnert sich an die Nachmittage, an denen sie zusammen im Fluss badeten, während auf der Wasseroberfläche bunter Müll dahintrieb. Wie sie auf der Wiese lagen, einen Grashalm zwischen den Lippen und sich aus ihren ineinander verschlungenen Geschichten so etwas wie die Gewissheit ergab, dass alle Menschen ein Schicksal haben, dem sie nicht entrinnen können.

Dana Grigorceas Roman  «Tanzende Frau, blauer Hahn» ist ein Buch von wunderbar schwebender Flüchtigkeit. Und zugleich ein tückisch raffiniertes Gebilde, das einem den Boden unter den Füssen wegzieht.  Es handelt vom Zauber des Erzählens, von der Macht von Geschichten und davon, dass wir die Welt erst  im Reden über die Welt erfahren können, weil erst das Erzählen die Welt zu einer Welt macht, die man begreifen kann. In dem, was wir uns erzählen, werden wir zu denen, die wir sind. Aber vielleicht sind unsere Geschichten ja gar nicht unsere Geschichten, auch wenn sie vorübergehend dazu werden, weil wir es sind, die sie erzählen. Und vielleicht gibt es hinter den Geschichten gar keine Welt. Nur rauschende Blätter, ein tiefblauer Himmel und eine unendlich lange Zeit, die alles verschlingt.

Dana Grigorcea: Tanzende Frau, blauer Hahn. Roman. Penguin-Verlag, München 2026. 160 S., Fr. 33.90.

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Siehe auch
«Das Gewicht des Vogels beim Fliegen»
«Die nicht sterben»