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POSTKARTEN BUCHTIPP: Unerwartete Poesie entlang der Autobahn
A13: Die Autobahn von St. Margrethen nach Ascona und zurück – 195 Kilometer Beton, Asphalt, Brücken, Tunnels und Leitplanken. Autobahnen sind praktisch, nicht poetisch. Rasant ist die Fahrt, pausiert wird nur in Raststätten oder auf Parkplätzen; mit Pech steht man Stossstange an Stossstange, ausgebremst im Stau. Ganz anders im überraschenden Porträt von Linard Bardill und Lorenzo Custer: «A13 – Geschichten vom Eilen und Verweilen».
Der singende Schriftsteller Bardill und der zeichnende Architekt Custer verweilen entlang der Route und entdecken hinter den Strassenrändern Geheimnisse und Geschichten: im Zementwerk Untervaz ebenso wie im Verrucano-Steinbruch in Mels, Spuren von Nietzsche in Splügen, vom heiligen Nepomuk in Oberrealta oder von Christophorus in Zillis. Sie begegnen Naturschönheiten, Kulturgütern und Menschen; sie schauen, riechen und hören zu. Der Kanton Graubünden nimmt mit zwei «Blechpolizisten» beim San-Bernardino-Tunnel jährlich 15 Millionen Franken ein – die Bussgeldtarife sind fein säuberlich aufgelistet.
Doch die beiden Reisegefährten finden unterwegs noch mehr: Erinnerungen, Einsichten, Legenden sowie künstliche und ungekünstelte Intelligenz. Custers Skizzen wirken, als würde der flüchtige Blick aus dem Autofenster plötzlich festgehalten und verwandelt. Der Geschichtenerzähler und der Landschaftskalligraf mäandern in Wort und Linie entlang der linearen Autobahnstrecke, vorbei an zerklüfteten Felsen und reissendem Wasser. Durch ihren Blick und ihre Zeit entsteht für uns Lesende ein unerwartetes Reiseerlebnis – ein wunderbar menschliches Panorama.
Linard Bardill/Lorenzo Custer: «A13 – Geschichten vom Eilen und Verweilen». Rotpunktverlag Edition Blau. Illustriert, 128. S. etwa Fr. 32.-
Siehe auch Fabio Andina / Lorenzo Custer: «Tessiner Horizonte»


Bauernpaar mit Tragbürden, Mergoscia TI © Schweiz. Nationalbibliothek, Archiv Zinggerle