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POSTKARTEN BUCHTIPP: Im Kopfkino eines Schlaflosen
Charles Lewinsky ist ein begnadeter Fabulierer, einer, der Geschichten erzählt und sie in Bewegung hält. Mit leichter Hand greift er schwere Stoffe auf – Krieg, Exil, jüdische Identität – und lässt sie fast spielerisch fliessen, ohne je ins Leichte oder Kitschige zu kippen. Man spürt seine Nähe und Faszination zum Film: Szenen entstehen, verschwinden, springen. Er führt und verführt uns Lesenden.
In «Eine andere Geschichte» liegt ein alter Mann auf der Couch. Curtis Melnitz, 80-jährig, Filmproduzent, Überlebender, Zyniker. Los Angeles, späte Fünfziger. Schlaf findet er keinen mehr, also spricht er. Sitzung für Sitzung. Und wir hören zu. Der Psychoanalytiker schweigt. Melnitz’ Stimme ist schnoddrig, böse und brillant im Ausweichen.
Was er erzählt, ist kein Leben, sondern eine Folge von Einstellungen. Berlin. Hollywood. Flucht. Verlust. Immer wieder Brüche. Erinnerungen an seine Herkunft, seine Filme, seine Freunde und Filme, die nie still stehen. Dazwischen dieser trockene Humor, der alles unterläuft, als wäre das Grauen nur eine Pointe zu früh.
Lewinsky schreibt in einem Rhythmus, der an einen Film erinnert: Schnitte statt Erklärungen. Rückblenden, die sich einschieben wie falsche Erinnerungen. Melnitz redet und redet, um sich zu schützen, vielleicht auch, um sich neu zu erfinden. Wahrheit ist beweglich. Eine Version unter vielen.
Das ist reizvoll. Und anstrengend. Man bleibt auf Distanz zu diesem Mann, der sich jeder Festlegung entzieht. Doch gerade darin liegt die eigentümliche Kraft des Romans: im Unbequemen, im Ungefähren, im Nicht-ganz-Greifbaren, in der Illusion..
Am Ende bleibt weniger eine Geschichte als ein Nachhall. Bilder, Sätze, ein leises Unbehagen und die Feststellung, dass Erzählen selbst eine Form von Überleben ist.
Charles Lewinsky: Eine andere Geschichte. Diogenes Verlag, Zürich 2026, 416 S., rund Fr. 35.-
👉📕 Im Buch «99 beste Schweizer Bücher» ist Charles Lewinsky mit «Gerron» (2011) vertreten, mit «Melnitz» (2006) wurde er bekannt.
«Täuschend echt» (2024)


© Diogenes Verlag
©Edition Arche Nova, 1969