POSTKARTEN BUCHTIPP: Im Durcheinandertal geht die Welt unter

 

Man kann diesen Roman nicht nacherzählen. Man muss ihn lesen. Unbedingt. Ein Jahr vor seinem Tod schrieb Friedrich Dürrenmatt sein irrwitzigstes, monströsestes und bösestes Buch. «Durcheinandertal» ist ein Satyrspiel zum Weltuntergang. Frei nach dem Grundsatz: Je hoffnungsloser eine Situation ist, desto weniger ernst kann sie sein. Man weiss man von Satz zu Satz nicht, ob man lachen oder entsetzt sein soll.

Natürlich hat das Ganze so etwas wie eine Handlung. Aber da fängt das Durcheinander schon an. Es sind mehrere Handlungen, die wild durcheinandergewürfelt sind, es wird so spontan wie unordentlich erzählt, und ausser dem Autor durchschaut niemand so ganz, was da eigentlich wann, wo und wie geschieht.

Moses Melker richtet in einem Bergdorf ein Kurhotel für Superreiche ein. Ein «Haus der Armut», in dem sie ein paar Wochen unter einfachsten Bedingungen leben sollen, um sich von der Macht des «schnöden Mammons» zu befreien und die Gnade Gottes zu erwerben. Die Idee scheint auf Anklang zu stossen, aber im Hintergrund der «Swiss Society for Morality», die das Haus trägt, treiben seltsame Banditen ihr Unwesen. Was zu Schwierigkeiten führt. Die Dorfbevölkerung fühlt sich getäuscht. Unruhen brechen aus, am Ende rückt die Armee ins Tal vor. Schliesslich zünden die Dorfbewohner das Hotel an. Es geht in Flammen auf.

Als Vorbild für das Hotel im Durcheinandertal diente Dürrenmatt das «Waldhaus» in Vulpera im Unterengadin. Und das brannte im Mai 1989 bis auf die Grundmauern nieder. Nur wenige Tage, nachdem Dürrenmatt den Roman abgeschlossen hatte. Dürrenmatt soll seine Freude nicht verhehlt haben. Er war ab und zu dort Gast gewesen. Für Fastenkuren (die nie erfolgreich waren). Kurz nach dem Brand reiste er ins Engadin, um die Ruine anzuschauen. Der Direktor des Hotels konnte sich spontan den Verdacht nicht verkneifen: «Das war Dürrenmatt!» Tatsächlich wird Dürrenmatt von der Bündner Kantonspolizei verhört. Er hat ein Alibi. Bis heute ist nicht bekannt, wer die Schuldigen sind. Aber irgendwie passt es zu diesem wunderbaren Roman, dass er sich nicht zwischen zwei Buchdeckel pressen lässt.

 

Friedrich Dürrenmatt: Durcheinandertal. Roman. Diogenes-Verlag, Zürich. 144 S., Fr. 14.90.

Siehe auch:
Friedrich Dürrenmatt «Der Schachspieler». Illustrationen Hannes Binder
Friedrich Dürrenmatt «Das Versprechen»

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