POSTKARTEN BUCHTIPP: Wie die Schweiz die Zeit erfand – und wieder verlor

In Zeiten, in denen einem das Lachen gelegentlich vergeht, hat die NZZ am Sonntag kürzlich hundert besonders lustige Bücher versammelt. Gion Mathias Caveltys neues Buch müsste einen Ehrenplatz bekommen. Schon der Titel ist ein Versprechen, das er mit Vergnügen bricht.

«Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst» klingt nach Tradition und Präzision. Doch wer Cavelty kennt, weiss: Der Irrsinn ist nicht weit. Der Bündner Autor, Satiriker und leidenschaftliche Uhrenfan nimmt den Schweizer Mythos beim Wort – und zerlegt ihn genüsslich in seine Einzelteile.

Wir schreiben das Jahr 13’004 vor Christus. Ein gewisser Lionel Breitling wirft bei Sonnenaufgang einen Haselnussstecken in die Höhe und nennt ihn Navitimer. Damit ist der Grundstein gelegt. Von nun an entzieht sich die Uhrengeschichte jeder vernünftigen Chronologie. Sekunden kommen zur Welt, neue Messgeräte werden erfunden, grosse Namen treten auf und verschwinden wieder im Strudel der Komplikationen. Die Schweizer Uhrmacherei bekommt ihre Schöpfungsgeschichte, samt haarsträubenden Wundern.

Cavelty erzählt alles mit einer Ernsthaftigkeit, die den Witz erst richtig zur Geltung bringt. Sein Wissen um Uhren, Marken und ihre Vermarktung ist beträchtlich. Doch statt ehrfürchtig vor dem Mythos zu verharren, schiebt er ihm Brusthaare, schweissige Hände und menschliche Schwächen unter. Hinter dem Klamauk blitzt eine scharfe Beobachtung auf: Wie entstehen Brands und Marketinggeschichten? Wie wird ein Produkt zum nationalen Heiligtum? Und wie viel Theater braucht es, damit wir an eine Legende glauben?

Wer Caveltys frühere Ausflüge in religiöse Überlieferungen kennt, weiss, dass er vor grossen Erzählungen nicht zurückschreckt. Auch diesmal treibt er sein Spiel bis zum Äussersten. Am Ende löscht ein erzürnter Gottkaiser die Erde aus. Vom gewaltig erbauten Uhrwerk bleibt ausgerechnet der Haselnussstecken übrig. Die Geschichte beginnt von vorn, der Zeiger hat seine Umdrehung vollendet. 

«Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst» ist erfinderisch und gelegentlich zum Brüllen komisch. Cavelty zerlegt einen Schweizer Mythos, ohne ihm seine Faszination ganz zu nehmen. Wer Freude an sprachlichem Übermut, Satire und Uhren hat, sollte sich diese Geschichte nicht entgehen lassen.

Gion Mathias Cavelty: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst. lectorbooks, Zürich 2026, 159 S., Fr. 29.-

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