POSTKARTEN BUCHTIPP: Der Prinz und der Dichter

«Königssohn» heisst das neue Buch von Eveline Hasler – und nicht «Prinz». Denn «Prinz» ist ein Adelstitel, der dem ehelichen Sohn eines Königspaars vorbehalten ist. Genau darin liegt die Crux dieses Romans der Schriftstellerin, die vor über vierzig Jahren mit «Anna Göldin, letzte Hexe» berühmt wurde und mit «Die Wachsflügelfrau» die patriarchalen Grenzen für die erste Schweizer Juristin Emily Kempin-Spyri literarisch nachzeichnete.

Diesmal begibt sich Eveline Hasler auf Spurensuche im Dänemark des 19. Jahrhunderts. Der spätere König Christian VIII. (1786–1848) zeugt als Kronprinz rund ein Dutzend unehelicher Kinder – im Bestreben, dem Staat gesunde Nachkommen zu sichern. Diese lässt er inkognito bei Pflegeeltern aufwachsen.

Hier verschränkt sich die Geschichte mit jener des dänischen Nationaldichters Hans Christian Andersen (1805–1875). Auf der Grundlage historischer Quellen, die teilweise bis ins 20. Jahrhundert unter Verschluss standen, stellt sich die Frage, ob der Kronprinz auch Andersens Vater gewesen sein könnte. Der in Odense als Sohn eines Schusters geborene Andersen erhielt jedenfalls eine aussergewöhnliche Förderung, die ihm Schul- und später Universitätsbildung ermöglichte.

Eveline Hasler lässt die damalige Zeit lebendig werden und verwebt ohne zu urteilen historische Figuren mit erzählerischer Fantasie. Ob nun Königssohn oder nicht – Andersens märchenhafte, oft auch schelmische Geschichten wie «Des Kaisers neue Kleider», «Das hässliche Entlein» oder «Die kleine Meerjungfrau» verzaubern bis heute Jung und Alt. Seine Heimatstadt ehrt ihren Sohn mit einem architektonisch eindrucksvollen Erlebnismuseum, in dem seine Märchenwelt weiterlebt.

Und wir Lesenden danken Eveline Hasler für einen weiteren historischen Roman, in dem sich Fakten und Fiktion auf eindrückliche Weise verbinden.

Eveline Hasler: Königssohn. Roman. Nagel & Kimche, 2026. 176 S., etwa Fr. 30.-

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Siehe auch Eveline Hasler «Die Wachsflügelfrau» aus «99 beste Schweizer Bücher»
und Interview: «Es gibt nichts Phantastischeres als die Wirklichkeit»