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POSTKARTEN BUCHTIPP: Glanz, Staub und Spuren
Der Besitzer eines legendären Kaufhauses, Dr. Bronstett, wird ermordet. Leonora Bloch, die betagte Reinigungsfrau, die das Haus seit Jahrzehnten bis in die letzte Teppichfranse kennt, beseitigt die Spuren: Schuhabdrücke, blutige Schlieren, Fusseln. Sogar poliert sie Türgriffe. Zufall – oder steckt mehr dahinter? Den Leichnam, dem brutal die Hände abgeschnitten sind, berührt sie nicht. Sie lasse ihm seine Privatsphäre, sagt sie. Die Hände tauchen später wieder auf, auf Eis. Die Polizei ermittelt – und folgt den Indizien.
Doch Yael Inokais Roman «Die Auster» ist mehr als eine Mordgeschichte. Sie lässt die Glanzzeit der Kaufhäuser zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufleben – auch wenn der Glanz der «Konsumpaläste» längst zu verstauben beginnt. Ihre präzisen Schilderungen werden zur Reflexionsfläche für die Menschen, ihre Lebensgeschichten und ihre Verstrickungen. Im Zentrum: Leonora Bloch, fachkundige Beobachterin – mal verschlossen, stumm wie eine Auster, mal messerscharf im Dialog.
Es ist eine Freude, Inokais Sprache zu lesen: Sie treibt die Geschichte rhythmisch voran, hackt ab, fängt eine Situation mit wenigen Worten ein – und unterlegt sie dann wieder mit Lakonie.
Ein Lesevergnügen auf verschiedenen Ebenen.
Yael Inokai: Die Auster. Hanser Berlin, 2026. S. 224, etwa Fr. 35.-
Siehe auch Buchtipp: Yael Inokai «Ein simpler Eingriff»


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