Ella Maillart: Der bittere Weg, 1947

Man stelle sich zwei Frauen vor, die am Vorabend des Zweiten Weltkriegs im Juni 1939 in einem Ford Roadster von der Schweiz nach Afghanistan reisen. Ella Maillart und ihre Freundin Christina wollen der drohenden Apokalypse in Europa entrinnen und sich im ruhigeren Orient für ihre journalistischen und ethnologischen Arbeiten inspirieren lassen. Im Gepäck befinden sich Fotokameras und Filme, Abenteuer- und Entdeckerlust, Mut und Neugierde.

Die Reise hat allerdings noch einen anderen Grund. Maillart will ihrer Freundin Christina helfen und sie von ihren Dämonen und der Sucht befreien. Bei Christina handelt es sich um Annemarie Schwarzenbach, die schlanke, zerbrechliche, schwermütige Zürcher Schriftstellerin und Journalistin, die sich in einer Lebenskrise befindet. Sie ist morphiumsüchtig, hadert mit ihrer einflussreichen, vermögenden Familie und ihrem Leben. Die vielen Kilometer, die neuen Länder, Landschaften und unerwartete Begegnungen sollen die fragile Christina zu neuen Lebensufern führen. Maillarts Erzählung »Der bittere Weg« ist ein literarisch eindrücklicher, farbenfroher Reisebericht, der zu den Klassikern seines Genres gehört.

Kulturgeschichtliche und psychologische Ebenen vermischen sich zu einem feinfühligen, tiefgründigen Fresko. Maillart beschreibt ihre Vorbereitungen und Begegnungen vor dem Abenteuer: darunter mit dem Schriftsteller Blaise Cendrars in Paris, der nicht an den Ausbruch des Weltkriegs glaubt, oder dem Psychoanalytiker Carl Gustav Jung in Küsnacht.

Die Reise führt sie über den Simplon ins faschistische Italien und weiter nach Istanbul. Von dort fahren sie nach Iran und Afghanistan. Sie durchqueren Wüsten, entdecken Städte, Moscheen und Ruinen, übernachten bei Freunden und Diplomaten oder unter freien Himmel. Unter Maillarts Feder erwacht der Orient zu Leben. Man hört die Leute reden, lachen, streiten, isst mit ihnen, beobachtet Alltagszenen und ihre Kleidung – und man staunt, wie sich zwei europäische Frauen relativ mühelos auf einer fast 8 000 Kilometer lange Reise bewegen können.

Ebenso faszinierend ist die innere Reise der beiden Freundinnen. Auf der einen Seite die bodenständige, lebenslustige und sportliche Ella, auf der anderen die grazile Christina, die auf dünnem Eis wandelt, jederzeit einzubrechen droht und tatsächlich abstürzt. In Sofia greift sie ein erstes Mal zum Morphium, und dann wieder in Kabul, als der Weltkrieg in Europa am Explodieren ist. Die Freundinnen beschliessen, die Reise abzubrechen.

Christina kehrt in die Schweiz zurück, Maillart bleibt bis zum Ende des Kriegs in Indien und verfasst ihren Roman »Der bittere Weg«. Sie sinniert feinfühlig, zärtlich über ihre Freundin, hinterfragt sich, warum sie mit ihrem Vorhaben gescheitert ist, Christina richtig zu erfassen und zurück auf den rechten Weg zu bringen. Als Maillart 1945 vom Tod der Freundin erfährt, ist sie erschüttert und schreibt: »Du kennst mein Herz, seine Bewunderung für deine Redlichkeit, und du weisst, wie unmöglich es ist, dich zu beschreiben.«

Ella Maillart: Der bittere Weg. Mit Annemarie Schwarzenbach unterwegs nach Afghanistan. (Erstausgabe: W. Heinemann, London, 1947)
Lenos Verlag, 2021. 375 S., ca. Fr. 30.-
Aus dem Englischen von Carl Bach. Mit einem Nachwort von Brigitta Kaufmann

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siehe auch Annemarie Schwarzenbach: Das glückliche Tal

aus «99 beste Schweizer Bücher» Verlag Nagel & Kimche

  • Lebensdaten: 1903 (Genf) – 1997 (Chandolin)
  • Originaltitel: »The Cruel Way«
  • Lesetipps: »Verbotene Reise – Von Peking nach Kaschmir« (1938: »Oasis interdites«), »Leben ohne Rast – Eine Frau fährt durch die Welt« (1942; »Cruises and Caravans«)
  • Fussnoten: Ella Maillart war nicht nur Reiseschriftstellerin und Fotografin, sie war auch passionierte Sportlerin. 1922 gründete sie den ersten Landhockey-Club für Frauen und vertrat die Schweiz 1924 bei den Olympischen Sommerspielen in Paris im Segeln. Zudem war sie als Skifahrerin Mitglied der Schweizer National- mannschaft.
    Maillarts Klassiker »Der bittere Weg« erschien zunächst auf Englisch, 1948 in deutscher Übersetzung und erst 1952 auf Französisch, in ihrer Muttersprache.

    #Reise, Abenteuer, Emanzipation, Suche, Identität