Wei Zhang: Eine Mango für Mao, 2018

China zur Zeit der Kulturrevolution: Eines Tages herrscht in Chonqing helle Aufregung – der Grosse Vorsitzende Mao kam von einer Afrikareise mit einer Mango zurück, die nun in einer Vitrine durch die Stadt gefahren wird, auf dass sie alle bewundern können. Am nächsten Tag bekommen die Kinder in der Schule die Aufgabe, die Mango zu zeichnen. Doch Yingying, die Ich-Erzählerin des Romans, hat nur einen klitzekleinen Blick auf die Vitrine erhascht und stellt eine Menge Fragen – immerhin will sie ihre Aufgabe gut machen: Wie ist die Haut der Mango ganz genau beschaffen, gleicht sie vielleicht einer Orange? Was für unsere Ohren nach harmlos-neugierigen Fragen eines aufgeweckten Kindes klingt, könnte Yingying und ihre Familie in tödliche Gefahr bringen. Denn genau wissen zu wollen, was hinter den Scheiben der Vitrine, überhaupt: dahinter zu sehen ist, hat einen kritischen Beigeschmack. Solche Fragen stellen nur Konterrevolutionäre, Volksfeinde.

In ihrem Romanerstling gelingt es Wei Zhang, uns atmosphärisch mitten in die Zeit der Kulturrevolution eintauchen zu lassen, ohne jemals zu Erklärungen über die Situation in China anzuheben, ohne historische Eckdaten auch nur zu erwähnen. Wie durch eine unruhige, auf Augenhöhe des neugierigen Kindes angebrachte Kamera schildert sie Episoden aus dem Leben Yingyings, in denen die Unberechenbarkeit der erwachsenen Entscheidungsträger in ihrer ganzen Absurdität zutage tritt. Das Leben im China der Kulturrevolution erscheint wie ein endloser Spaziergang auf Eisenbahnschienen: es gibt keinen anderen Weg, doch jederzeit könnte ein Zug heranbrausen. Ohne Grund denunzieren Nachbarn und Arbeitskollegen einander; die einen verschwinden für immer, die anderen steigen in Führungspositionen auf.

Eindrücklich ist, wie Wei Zhang die scheinbar naive Kinderperspektive mit dem Blick der westlichen Leserin, des westlichen Lesers verbindet: Von den politischen Zusammenhängen, die wir zumindest in groben Zügen kennen, weiss Yingying nichts – dafür weiss sie die umständlichen Formulierungen, die blumigen Metaphern und Vergleiche einzuordnen, mit denen ihre Eltern um den heissen Brei reden. Auch wenn sie nicht immer versteht, was gemeint ist, erkennt sie doch die Leerstellen und ortet mit sicherem Gefühl, wo etwas verschwiegen wird zwischen den Zeilen. Ganz allmählich faltet sich so ein Bild des chinesischen Alltagslebens während der Kulturrevolution auf.

  • Lebensdaten: Geboren während der Kulturrevolution (1966/76) in Chongqing, Volksrepublik China 
  • Fussnoten: Die studierte Anglistin Wei Zhang lebt seit 1990 als Dozentin und Kulturvermittlerin in der Schweiz, zusammen mit ihrem Schweizer Mann. 2007 veröffentlichte sie 21 Interviews im Buch «Zwischen den Stühlen: Chinesinnen und Chinesen in der Schweiz» (Verlag NZZ Libro). «Eine Mango für Mao» (Salis 2018) ist ihr erster Roman.